Der deutsche Spielmann
Römerlegionen, Völkerwogen!
Braune Männer kommen gezogen
Nordlandwärts.
Die Adler dräun, es klirrt das Erz,
Es klirrt und droht und rostet bald -
Dumpf rauscht der Teutoburgerwald.
Völkergewoge, Völkergemetzel!
Die Gottesgeißel, der wilde Etzel,
Gefolgt von zottigen Rossen:
Ein Strom, der über die Ufer geschossen!
Es rast und wütet und prallt zurück -
Ein Weib erdrosselt des Hunnen Glück.
Ein Nachen schwimmt durchs Ärmelmeer.
Ihm folgt kein kühnes Völkerheer.
Er trägt kein Wimpel reich und stolz,
Er trägt am Mast ein Marterholz
In Kreuzgestalt.
Doch sinnend hält
Ein Mönch darum die Hand geballt.
Er kommt aus einer fernen Welt.
Er will kein Land bekriegen
Und doch ein Reich ersiegen.
Donars Eiche, sie wankt und fällt;
Es stürzt die alte Götterwelt.
Germanentrotz und Christengeist.
Ein Kaiser, der sie zusammenschweißt.
Stark ist sein Wille und ehern sein Mut;
Doch seine Hände rauchen von Blut.
Den Dulderglauben predigt der Stahl.
Rot färbt sich der Boden im Wesertal.
Zepterträger, Kronenerben
Kommen und scheiden; doch Götter sterben
Nicht von heut auf morgen.
Soll ein neuer Glaube erstehn,
Muß er durch Jahrhunderte gehn
Und alle Bräuche borgen.
Neu wird das Kleid und neu das Wort,
Des Volkes Wesen dauert fort;
Trotz aller wahren Christlichkeit:
Germanen blieben wir bis heut.
Der deutsche Spielmann
Das Gedicht stammt aus der Reihe „Der deutsche Spielmann. Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk. Herausgegeben von Dr. Ernst Weber“. Der vorliegende Band trägt den Titel „Germanentum. Wie unsere Väter Christen geworden sind von den Römerkriegen bis zur Herrschaft der deutschen Stämme“ und wurde 1925 in München herausgegeben von Georg D. W. Callwey im „Verlag des deutschen Spielmanns“.
Im Klappentext heißt es zur Absicht der Reihe:
„Der deutsche Spielmann herausgegeben von Ernst Weber, eine großangelegte Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung einet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die Familienbücherei. Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden. Er huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten.“