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Archiv für Mai 2007

historische Definitionen mit aktuellem Bezug

Mai 21, 2007 dsnation 4 Kommentare

sozialistische Nation
Durch die sozialistische Revolution und den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft gestaltet sie [die Arbeiterklasse; heute: die Einheitsfront der Unterdrückten, d. Verf.] die Existenzgrundlagen der Nation um, gibt ihr einen neuen Inhalt und schafft damit einen qualitativ höheren Typ der nationalen Gemeinschaft, die sozialistische Nation. Bei dieser Umgestaltung bleibt die ethnische Grundlage der Nation im wesentlichen erhalten (Sprache, Beziehung zum Territorium, spezifische Besonderheiten der Kultur und der Sozialpsyche, Sitten, Gebräuche, Lebensgewohnheiten), während sich die soziale Natur der Nation grundlegend verändert (ökonomische und politische Beziehungen, Sozialstruktur, Inhalt der Kultur und Ideologie). Die sozialistische Nation beruht auf der sozialistischen Produktionsweise. Sie kennt keine Klassenantagonismen, sondern ist durch eine wachsende politisch-moralische Einheit des Volkes gekennzeichnet […] Die sozialistische Nation gewinnt zugleich ein neues Verhältnis zu den anderen Nationen. Wenn für die Beziehungen zwischen den kapitalistischen Nationen Feindschaft, Streben nach Unterdrückung, Übervorteilung und Ausbeutung anderer Nationen charakteristisch sind, so werden die Beziehungen zwischen den sozialistischen Nationen durch die Prinzipien des proletarischen Internationalismus [oder: der Völkerfreundschaft, d. Verf.] bestimmt. Die sozialistische Nation und die nationalen Beziehungen im Sozialismus sind durch Wechselwirkung nationaler und internationaler Züge charakterisiert. Im Ergebnis dieses Prozesses entsteht eine internationale Gemeinschaft gleichberechtigter sozialistischer Nationen […] Bürgerlich-kosmopolitische Vorstellungen von der Schaffung eines übernationalen „Weltstaates“ haben mit der [...] Theorie und dem sozialistischen Internationalismus nichts gemein. Sie spielen nur dem Imperialismus in die Hände und richten sich objektiv gegen die freie Entwicklung der sozialistischen Nationen und der national befreiten Staaten.

Nationalbewußtsein
Zusammenfassende Bezeichnung für die Inhalte des gesellschaftlichen Bewußtseins, welche die ‚Existenzbedingungen, die geschichtliche Entwicklung, die aktuelle Situation und die hieraus erwachsenden wesentlichen Aufgaben einer Nation vom Standpunkt einer bestimmten Klasse widerspiegeln. Das Nationalbewußtsein ist keine besondere Form des gesellschaftlichen Bewußtseins, sondern existiert im weltanschaulichen, politischen, moralischen und ästhetischen Bewußtsein und vermittels dieser Bewußtseinsformen. Da an die Existenz von Nationen gebunden, hat sich ein entwickeltes Nationalbewußtsein erst mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und der hierauf beruhenden kapitalistischen Nation herausgebildet, obwohl einzelne seiner Elemente bereits eine längere Geschichte besitzen. Das Nationalbewußtsein ist nicht klassenindifferent, es hat Klassencharakter, da es immer durch die Beziehungen einer bestimmten Kasse zur Nation und durch die Interessen dieser Klasse geprägt wird. Das Nationalbewußtsein äußert sich im allgemeinen in dem Bewußtsein, einer Nation zuzugehören, mit ihr verbunden zu sein, in der Bereitschaft und dem Willen, die Rechte und Interessen dieser Nation zu verteidigen und zu ihrer Entwicklung beizutragen, im Stolz auf die Leistungen und Errungenschaften der Nation, wobei die verschiedenen Klassen unterschiedliche Auffassungen hierüber besitzen.

nationale Frage
zusammenfassende Bezeichnung für den Komplex von Fragen des gesellschaftlichen Lebens, der die Entwicklungsbedingungen der Nation, die Rechte und die Beziehungen der Nationen zueinander sowie der nationalen Gruppen innerhalb eines multinationalen Staates umfaßt. Die nationale Frage entsteht mit der Herausbildung der Nation als Struktur- und Entwicklungsform der Gesellschaft, umfaßt solche Momente des gesellschaftlichen Lebens wie nationale Unabhängigkeit, Selbstbestimmung der Nationen, nationale Einheit, nationale Gleichberechtigung, Beseitigung nationaler Unterdrückung und nationaler Privilegien und wird in ihrem Inhalt jeweils durch die grundlegenden sozialen Prozesse der Epoche bestimmt. Die nationale Frage ist stets eine Klassenfrage. Sie steht im engsten Zusammenhang mit dem Kampf um die Lösung von Grundproblemen des gesellschaftlichen Fortschritts, so daß nationale Bewegungen immer mit den revolutionären Bewegungen ihrer Epoche verbunden sind […] In den imperialistischen Ländern selbst geraten die herrschenden Kreise des Monopolkapitals immer mehr in Gegensatz zur Nation und zu deren Interessen, so daß die Beseitigung der Herrschaft des Imperialismus zu einer wesentlichen Voraussetzung für die Lösung der nationalen Frage wird […] So ist die nationale Frage in unserer Epoche untrennbar mit dem Kampf gegen den Imperialismus und dem […] Übergang zum Sozialismus verbunden. Im Sozialismus ergeben sich völlig neue Probleme der Entwicklung der Nation. Ihr Hauptinhalt besteht darin, die nationalen Traditionen und Besonderheiten so zu nutzen, daß sie zu Triebkräften für die schnelle Entwicklung der Produktivkräfte und die Festigung der sozialistischen Produktionsverhältnisse werden. Auf diesem Wege und auf dem Wege der Gemeinsamkeit der Gesellschaftsordnung festigt sich die ökonomische, wissenschaftliche, technische und kulturelle Zusammenarbeit der sozialistischen Länder. Hierbei bildet sich eine neue internationale Gemeinschaft sozialistischer Nationen heraus […] Von folgenden Grundsätzen [wird ausgegangen]: a) von der völligen Gleichberechtigung aller Nationen; b) vom Selbstbestimmungsrecht aller Nationen und c) vom proletarischen Internationalismus [besser: von der Völkerfreundschaft, d. Verf.].

Nationalisierung
Überführung von Produktionsmitteln (Betriebe, Grund und Boden usw.) aus dem Eigentum einzelner Personen und Körperschaften in staatliches Eigentum. Der Charakter der Nationalisierung hängt vom Wesen des jeweiligen Staates ab. Die Nationalisierung kann entschädigungslos oder gegen Entgelt erfolgen. Die kapitalistische Nationalisierung besteht in der Überführung privatkapitalistischer Unternehmen, z. T. auch ganzer Industriezweige, in das Eigentum des bürgerlichen Staates, meist gegen hohe finanzielle Abfindungen. Zumeist handelt es sich um unrentable, nicht mehr konkurrenzfähige Betriebe und Wirtschaftszweige. Vielfach werden diese Einrichtungen nach ihrer mit Staatsmitteln erfolgten Modernisierung zu niedrigen Preisen wieder an die Unternehmer zurückgegeben (Reprivatisierung), wodurch die Kapitalisten und ihre Vereinigungen an der Nationalisierung und auch an der Reprivatisierung profitieren. Auch militärisch-strategische Überlegungen können zur Nationalisierung führen. Im allgemeinen ist die Monopolbourgeoisie an großen Nationalisierungen nicht interessiert. Und betreibt immer wieder die Reprivatisierung. Durch die kapitalistische Nationalisierung wird die Ausbeutung der Werktätigen nicht beseitigt und der Charakter der kapitalistischen Ordnung insgesamt nicht angetastet. Dennoch kämpft die Arbeiterklasse für die Nationalisierung bestimmter Schlüsselindustrien und –unternehmen als eine Möglichkeit, z. B. über die Mitbestimmung der Arbeiter Schritte zur Einschränkung der Macht der Monopole einzuleiten. Die Mitbestimmung erfüllt jedoch nur dann ihre Aufgaben im Interesse der Arbeiterklasse, wenn sie die Zurückdrängung der Macht der Monopole und schließlich ihre Überwindung zum Ziel hat. Die Nationalisierung bietet auch günstige Voraussetzungen für die Schaffung des sozialistischen Eigentums, weil bereits ein hoher Grad der Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreicht ist und die Arbeiterklasse nach Beseitigung des kapitalistischen Staates diese Betriebe relativ leicht in Volkseigentum überführen kann.
Die Nationalisierung in den national befreiten Ländern erfaßt vorwiegend die Unternehmen des ausländischen Monopolkapitals und der mit ihm verflochtenen einheimischen Großbourgeoisie sowie teilweise auch die Ländereien der Feudalherren. Sie ist von großer Bedeutung für die Entwicklung einer unabhängigen Wirtschaft dieser Länder. Ihr Charakter wird wesentlich durch die sozialökonomische Entwicklungsrichtung dieser Staaten bestimmt.
Die sozialistische Nationalisierung ist die revolutionäre Beseitigung des Eigentums der Ausbeuterklasse an den wichtigsten Produktionsmitteln durch die sozialistische Staatsmacht und die Überführung der kapitalistischen Unternehmen in staatliches sozialistisches Eigentum (Volkseigentum). Sie beginnt mit der Übernahme der ökonomischen Schlüsselpositionen, wie der Grundstoff- und der Schwerindustrie, des Transport- und Nachrichtenwesens, der Banken und des Außenhandels. Mit der sozialistischen Nationalisierung wird die ökonomische Grundlage der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt.

Nationalkultur
Historische Entwicklungsform der Kultur in nationalen Gemeinschaften […] Die sozialistischen Nationalkulturen entstehen im Prozeß der sozialistischen Kulturrevolution. Historisch neuartige Momente der nationalkulturellen Entwicklung im Sozialismus sind: die Überwindung des Antagonismus der kulturellen Entwicklung durch die Beseitigung des Gegensatzes zwischen herrschender Kultur und Kultur der Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen; die aktive und bewußte Beziehung der kulturellen Entwicklung auf das Kulturerbe der eigenen Nation und der Leistungen der Weltkultur; die Prozesse der Annäherung und neuartiger Differenzierung im kulturellen Verhalten der sozialen Klassen und Schichten im Sozialismus […] Die Umwandlung der bürgerlichen Nationalkultur in eine sozialistische Nationalkultur ist Bestandteil der Konstituierung der sozialistischen Nation. In Wechselbeziehung mit den sozialökonomischen und politischen Verhältnissen entwickelt sich die nationale Psyche und Mentalität weiter, fördert das Nationalbewußtsein und überwindet zählebige Traditionen des bürgerlichen Nationalismus und Egoismus. Mit der Ausprägung sozialistischer Lebensweise, der Veränderung von Denk- und Verhaltensweisen, Sitten und Lebensgewohnheiten, Idealen und Wertvorstellungen erhält das Ethos eine neue Sinn- und Inhaltserfüllung. Es ist bestimmt von der unauflöslichen Verbindung zwischen proletarischem Internationalismus und sozialistischem Patriotismus. Der politische und soziale Inhalt des Patriotismus und der sozialistischen deutschen Nationalkultur bezieht sich auf historischen Platz und revolutionäre Aufgaben, auf Geschichte und Errungenschaften des Landes und des Staates […] und ist zugleich Ausdruck der unantastbaren Souveränität und territorialen Integrität der Heimatlandes […] Die Kultur verleiht den Angehörigen der sozialistischen Nationen ein lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, sie schafft ein Bewußtsein der nationalen Identität, das frei ist von nationaler Überheblichkeit und Vorurteilen gegenüber anderen Völkern und Nationen. Die Entwicklung der sozialistischen deutschen Nationalkultur hat wesentlichen Anteil an der Festigung der kulturellen Identität ihrer Bürger. Das schließt die Entdeckung und Wahrung der historischen und kulturellen Traditionen der Nation, die Entwicklung der nationalen Identität und Psyche auf neuen sozialökonomischen Grundlagen, die Möglichkeit der Ausbildung eines sozial einheitlichen Nationalcharakters, die Pflege der Nationalsprache und der nationalen Künste ein. Zur Entwicklung kultureller Identität und zur Förderung nationalen Selbstbewußtseins in Gegenwart und Zukunft gehört die Fähigkeit, die wissenschaftlich-technische Revolution zu meistern, ihre Ergebnisse für die Erhöhung des Lebensniveaus und der Persönlichkeitsentwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft einzusetzen. Das betrifft sowohl die Ergebnisse der nationalen Forschung, Entwicklung und Produktion wie die durch internationalen Austausch und weltweite Kommunikation ins Land gelangenden Produkte „fremder Klimate und Länder“. Nationalbewußtsein und Heimatverbundenheit können wirksam gefördert werden, indem die soziale und emotionale Bindung der Menschen an die heimatliche Landschaft, an die Region, in der sie leben, in die nationalkulturelle Entwicklung einbezogen werden. Neben den nationalen Traditionen kommt der Ausbildung regionaler Besonderheiten, der Beachtung und Nutzung regionaler Unterschiede in Umwelt und Lebensweise wie auch den regionalen Besonderheiten in der Mentalität und Psyche der Bevölkerung besondere Bedeutung zu. Regionale Bezüge in den kulturellen Angeboten, die geschichtliche und natürliche Spezifika der jeweiligen Stadt, des Dorfs, der Landschaft berücksichtigen, haben sich bewährt und sind weiter auszubauen, um die Vielfalt, Farbigkeit und Volksverbundenheit der sozialistischen Nationalkultur kräftig zu entfalten.

Nationalreichtum
Gesamtheit der materiellen und geistigen Güter, über die eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügt. Der Nationalreichtum ist, in Abhängigkeit von den Produktionsverhältnissen, Eigentum der gesamten Gesellschaft oder einzelner Klassen, Gruppen oder Personen. Der Nationalreichtum spiegelt die Ergebnisse der gesamten vorhergehenden Entwicklung der Gesellschaft wider. Zum Nationalreichtum gehören das Volksvermögen (d. h. alle materiellen güter, die durch die Arbeit des Menschen geschaffen wurden), alle erschließbaren natürlichen Ressourcen (Bodenschätze, Wälder, Wasserkräfte, bearbeitete und zur Bearbeitung geeignete Böden usw.), im weiteren Sinne auch die Produktionserfahrungen, die Kenntnisse und die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und die Werke der Kunst. Im Gegensatz zum Kapitalismus, in dem der überwiegende Teil des Nationalreichtums den Ausbeuterklassen gehört, ist im Sozialismus das Privateigentum an den Produktionsmitteln beseitigt, der Nationalreichtum gehört dem werktätigen Volk.

Vgl. Kleines Politisches Wörterbuch, Berlin 1988

Nation und Sozialismus – eine Entwicklung

Mai 11, 2007 dsnation Kommentieren

Wer heute noch glaubt, eine gesellschaftliche und politische Wende, die sich wirkliche Chancengleichheit, vergleichbare persönliche Ausgangsbedingungen und ehrliche zwischenmenschliche Gerechtigkeit auf die Fahnen schreibt, sei nur mit Hilfe eines grenzenlosen Internationalismus durchzusetzen, der hat aus der Geschichte keine oder die falschen Schlüsse gezogen. Der arbeitet bewußt oder unbewußt der kapitalistischen Globalisierung in die Hände. Und hat sein nicht materialistisch begründetes Gefühl für Zugehörigkeit längst verloren.
Wer dagegen realistisch denkt und klar sieht, der weiß: eine gerechte Gesellschaft ist nur unter Rückgriff auf die Nation zu begründen.
Umgekehrt: wer sich heute noch oder wieder als Teil einer Nation sieht oder sehen will, der muß begreifen, daß ihre Inkraftsetzung nur über eine soziale Einigung und wirtschaftlichen Ausgleich zu haben ist.
Die größten Feinde einer gerechten und lebenswerten Zukunft sind heute nationaler Nihilismus auf der einen und das Privateigentum an den volkswirtschaftlich wichtigen Produktionsmitteln auf der anderen Seite.
Die deutsche Geschichte zeigt, daß der nationale Impuls immer ein starker, wenn nicht der stärkste Motor der Einigung und Zielfindung gewesen ist. Bereits zu Zeiten der germanischen Stammeswelt traten die Fehden und Kleinkriege untereinander zurück, wenn die grundsätzliche germanische Freiheit bedroht war. Ob im Karolingerreich, im „Heiligen Römische Reich Deutscher Nation“ oder in einzelnen deutschen Kleinstaaten, immer wirkten verbindliche und als Kultur und Ordnung anerkannte Grundwerte und Traditionen im Inneren zusammenfügend und im Äußeren abgrenzend. Deutlich wurde aber auch die zersetzende Kraft der Machtanmaßung Einzelner. Doch sodann, und vielleicht erstmals in der neuzeitlichen deutschen Geschichte, zeigte ein deutscher Staat die einigende Wirkung einer Macht, die sich als „Dienen am Staat“ verstand: Preußen führte deutsches Staatsverständnis zu nationalem und internationalem Ansehen und erzeugte im Inneren durch einen strengen Kodex der Verantwortlichkeit und Organisation wirtschaftliche und gesellschaftliche Blüte. Die durch die soldatisch feste Organisation aufgestellte Armee des preußischen Staates brachte, wo sie zu Angriffen eingesetzt wurde, freilich eine weniger attraktive Seite zum Vorschein und wird von Gegnern der preußischen Idee bis heute als vorrangiges Staatsziel bezeichnet. Dennoch zeigte die Ausbildung des „Preußentums“ im Deutschen, zu welchen Leistungen ein willensmäßig geeintes Volk innen- wie außenpolitisch in der Lage ist. In Preußen selbst ist vielleicht eine erste und entfernte Annäherung an eine wesenseigene deutsche Gesellschaft erreicht worden. Fragwürdig bleiben neben der Betonung des Militarismus in diesem Zusammenhang die aufkeimende Bürokratie und zum Teil repressive hierarchische Gliederung.
Die Einigung der deutschen Länder und ihr Aufgehen im Deutschen Reich setzen einen weiteren Markstein deutscher Geschichte. Sicherlich gingen neue Stärke und Kriegsvorbereitungen Hand in Hand, doch ist das kein deutsches Phänomen und deutlich auf Führung und Zeit beziehbar. Das nationale kriegerische Erwachen endete in einer Niederlage, die es fremden Mächten erlaubte, eine unmäßige Ausbeutung Deutschlands ins Werk zu setzen. Es ist mittlerweile ein Allgemeinplatz, daß der Versailler Vertrag den Keim des nächsten Krieges in sich trug. Denn bis dahin war das deutsche Volk vielleicht ein Volk von Verführbaren (wie andere Völker auch), aber kein Volk von bedingungslosen Duckmäusern. Durch im Grunde alle gesellschaftlichern Schichten ging deshalb auch der Aufschrei der Empörung. Die Hauptlast der Reparationen trugen allerdings die Arbeiter. Sie und die kleineren Angestellten waren dann auch diejenigen, die von Mächten am leichtesten eingefangen werden konnten, die behaupteten, den Versailler Vertrag beseitigen zu wollen, in Wirklichkeit aber die Vorbereitung der Welt für die Ausbeutung durch deutsches Kapital und seine internationalen Verbündeten anstrebten. Der Aufstieg des so genannten „Nationalsozialismus“ zeigt eindrucksvoll, was passieren kann, wenn man die ehrlichen und tiefen Bedürfnisse eines Volkes geschickt so manipuliert, daß sie zur Grundlage eines Weltkriegs werden können.
Der Krieg ging verloren, deutsches Kapital blieb erhalten, gestützt von den internationalen Verflechtungen. Die Hauptlast trug auch hier der deutsche Arbeiter, der deutsche Bauer, der deutsche Angestellte. Am wenigsten betroffen und mitunter sogar als Kriegsgewinnler fungierte der international verflochtene deutsche Großbürger und Konzernherr, dem nach strengen Maßstäben schon längere Zeit eine echte Zugehörigkeit zum deutschen Volk bestritten werden mußte.
Das Ziel der Beseitigung der Sowjetunion, die andererseits gewiß nicht ohne Fehl und Tadel war, gelang nicht. Außerhalb ihrer Einflußzone ging man aber rasch daran, Westdeutschland zu einem Vorposten und Frontstaat des Kapitalismus aufzubauen. Mittels des schönen Scheins der Warenwelt, durch die stetig weiterwirkenden Gefühle nationaler Zusammengehörigkeit zu beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“, über ideologische Angriffe und Lockungen gegenüber der DDR hoffte die kapitalistische Seite, den formal sozialistischen Ostblock weichzukochen.
Die Geschichte entschied nach 40 Jahren zunächst für den Kapitalismus. Dieser fraß über die Jahre ideell und materiell an der Kraft des Gegners. Dessen Schwächung wurde ermöglicht und gefördert durch die kapitalistische Umschließung der östlichen Staaten, ihre Abtrennung von internationalen Märkten und ihr wirtschaftliches Ausbluten über die Preise für Im- und Exporte. Maßgebliche daran beteiligt war natürlich auch der Rüstungswettbewerb zwischen USA und UdSSR, der letztlich zu einer Preisgabe sowjetischer Errungenschaften durch Gorbatschow und damit zu einem Ausverkauf der sozialistischen Möglichkeit führte.
Der Untergang der DDR als unvollkommener Versuch des Aufbaus des Sozialismus in Deutschland ist neben den Gefühlen nationaler Zusammengehörigkeit, schweren innenpolitischen Fehlern und dem nach wie vor vorhandenen Konsumdenken vieler ihrer Bürger wohl auch einem anderen wichtigen Aspekt geschuldet: ihre Gründung geschah unter maßgeblicher Beteiligung der UdSSR, und sie blieb für die Zeit ihres Bestehens von jener politisch und wirtschaftlich abhängig. Ein eigener Weg zu einer gerechten Gesellschaft war so nicht möglich. Die DDR hatte in der Theorie ein fortschrittliches nationales und soziales Konzept. In der Praxis konnte es allerdings zu wenig angewendet werden. Hätte sie sich auf eigene nationale Wurzeln besinnen dürfen, wäre die Möglichkeit eines deutschen Weges zum Sozialismus in greifbare Nähe gerückt.
Heute haben wir mit der Monetarisierung und folgenden Pervertierung so gut wie aller Lebensbereiche in Deutschland zu kämpfen. Doch in einigen Nischen glimmt der Funke des Widerstands. Nahrung hätte er genug, jeden Tag wird mehr Brennstoff bereitgestellt. Ob daraus ein reinigendes Feuer wird, zeigt die Zeit.

Alain de Benoist: Totalitarismus

Mai 1, 2007 dsnation 2 Kommentare

Der Autor des vorliegenden Buches, Alain de Benoist, gilt im allgemeinen als Vordenker der „Neuen Rechten“ in Frankreich, die dort vergleichsweise umfangreiche Publikationstätigkeiten entwickelt und in die politische Landschaft der öffentlichen Meinung integriert ist. Seit einiger Zeit strömen auch nach Deutschland Ideen dieser Richtung ein. Oft unkonventionell und „liebgewonnene“ Ansichten in Frage stellend, bringen die seit einiger Zeit auch hier zu lesenden Veröffentlichungen etwas Schwung in die so oft festgefahrene Schwarz-Weiß-Diskussion. Dazu gehört auch jenes Buch, um das es hier geht.
Sein vollständiger Titel lautet: „Totalitarismus. Kommunismus und Nationalsozialismus – die andere Moderne. 1917 – 1989“. Damit wird klarer, worum es de Benoist geht. Um einen vielfach für unzulässig erklärten Vergleich der beiden Systeme der Extreme im 20. Jahrhundert. Anlaß für diese Publikation war offensichtlich das Erscheinen des von Stéphane Courtois 1997 herausgegebenen „Schwarzbuch des Kommunismus“, das, wie Zahlen das so schön können, die Opferzahl des stalinistischen Systems im Inland höher ansiedelt als die Toten, die auf das Konto der Nationalsozialisten gehen. De Benoist verfällt nun nicht vordergründig der bekannten Strategie, deshalb den Stalinismus als wesentlich schlimmer als den Hitlerismus zu bezeichnen, er versucht vielmehr, seinen Standpunkt mittels einer Art wissenschaftlicher Objektivität zu kaschieren. Dafür benutzt er als Konstante den Begriff Kommunismus für eine Gesamtheit der einschlägigen Ideen und Taten, meint aber in seiner Beispielführung fast ausschließlich die Zeit der Stalinschen Herrschaft in der Sowjetunion. Dies geschieht, ohne zu reflektieren, daß hier ein Extremum der sowjetischen Entwicklung vorlag, daß durchaus einen eigenen Namen, nämlich den des Stalinismus verdient und eben nicht als Kommunismus per se bezeichnet werden sollte. Die quasi kommunistischen Entwicklungen in Südamerika und die Wege der Staaten des Ostblocks nach 1945 passen nur schlecht in dieses enge Denkraster. Das gilt selbst dann, wenn klar wird, daß eben jene Staaten zu einem erheblichen Teil von der Gnade der Sowjetunion abhängig waren. Allerdings muß zugegeben werden: Entartungen wie in Rumänien unter Ceaucescu und die Terrorbanden der Roten Khmer gehören zum negativen Kommunismusbild. Dazu kommt, daß eigene Gehversuche wie zu Anfang der DDR und deutlich in der CSSR, Ungarn und fast verwirklicht in Jugoslawien von der Sowjetunion bekämpft wurden.

Ebenso fährt de Benoist unter falscher Flagge, wenn er vom Nationalsozialismus als dem Übeltäter par excellence spricht. Dieser Begriff wurde ja gerade geprägt, um die wirklichen Absichten der Führung zu verschleiern und die beschlossenen Maßnahmen dem Volk schmackhafter zu machen. Hitlers Rassenideologie und Antisemitismus waren weder national noch sozialistisch, schon gar nicht war es der Krieg, der eine Weltherrschaft aufgrund von Auslesekriterien errichten sollte und viel wenn nicht alles mit dem herrschenden Kampf um Rohstoffquellen und Märkte und die Neuordnung der Welt zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun hatte. Wie de Benoist selbst erkennt, gab es die EINE nationalsozialistische Ideologie gar nicht, sondern eine Konkurrenz der unterschiedlichen Strömungen, unter denen sich der Hitlerismus mit seiner sozialdarwinistischen Komponente durchsetzte. Es wäre daher für das Verständnis besser, meint man die Auswirkungen des Dritten Reiches, diesen Begriff zu verwenden.

De Benoist widmet sich der Behandlung des Themas anhand von Reflexionen zu einzelnen Aspekten und beleuchtet in 25 Kapiteln die unterschiedlichen Seiten der Systeme anhand seines Verständnisses von Totalitarismus. Er bezieht sich dabei besonders auf Hanna Arendt und Francois Furet.
Der Unterschied zwischen möglichst objektiver Betrachtung der Vergangenheit durch die Geschichtswissenschaft und der teils verordneten Erinnerung ist für ihn offensichtlich. Davon leitet er offizielle Geschichtsbilder und heutiges Verständnis ab.

Fragwürdig und zum Nachdenken anregend stimmt es, wenn de Benoist in Richtung stalinistischer Verbrechen behauptet: „Ein Laster ist noch weniger entschuldbar, wenn es von Tugendlehrern ausgeübt wird, denn diese sind noch mehr als andere gehalten, ihre Grundsätze zu befolgen.“ Das würde ganz banal bedeuten: weil Hitler vorher gesagt hat, ich bringe die Juden um, kommt er in der objektiven Beurteilung besser weg. Wobei de Benoist fairererweise anführt, daß gerade Marx als erster die „Moral der Intention“ nicht anerkannte. Das Handeln von Stalin war also im eigentlichen Sinne unmarxistisch.

Weiterhin werden der Weg zur klassenlosen Gesellschaft und der Weg zur reinen Rasse gleichgesetzt. Beide hätten die Ausschaltung, also Vernichtung des Teils der Menschheit zum Gegenstand, der der Verwirklichung dieser Absichten im Wege steht. Abgesehen von der Praxis der Durchführung kann das schon logisch nicht stimmen, bleibt man in der Diktion von Kommunismus und Nationalsozialismus: eine Klasse kann man verlassen, eine Rasse nicht. Man konnte also als Grundbesitzer zum Kommunisten werden, als Jude aber nicht zum Arier. Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Die tatsächliche Ausübung von Gewalt ist nach Faktenlage im Hitlerismus und im Stalinismus dennoch vergleichbar, nicht nur das sei de Benoist zugestanden.
Allerdings verfällt er wieder in ein bestimmtes Schema, wenn er anführt, daß der Nationalsozialismus nur in Deutschland die Rassenreinheit herstellen, und damit einen Teil der dort lebenden Menschen vernichten wollte. Der Kommunismus habe schließlich die ganze Welt von den Klassenfeinden säubern wollen, mit vergleichbarer Strategie. Das ist allerdings sichtlich verquer. Das NS-Regime wollte eine weltweite arische Rasse installieren, für die alle anderen nur Arbeitssklaven sein würden, mit allen vernichtenden Auswirkungen. Der Kommunismus hatte die Abschaffung der Ausbeutung im Visier, und hier kam es ganz darauf an, wer die praktischen Leitlinien des Handelns bestimmte. Sicher: im Falle Stalins waren die Ergebnisse denen Hitlers vergleichbar.

Interessant ist, woran de Benoist die Attraktivität der beiden Richtungen festmacht: Er schreibt: „In einer ersten Annäherung könnte die Antwort darin liegen, daß diese Systeme, sofern sie nach dem Absoluten streben, auch zu absoluten Verhaltensweisen anspornen, im Schlimmsten wie im Besten. Daß ein und dasselbe System sowohl kriminell sein als auch zu bewundernswertem Verhalten anregen kann, kann nur Naivlinge oder Voreingenommene vor den Kopf stoßen.“

Was tatsächlich klar gesehen werden muß, ist die Tatsache, daß der als Nationalsozialismus verkleidete Hitlerismus im Inland weniger wirkliche Nationalsozialisten getötet hat als der als Kommunismus verkleidete Stalinismus wirkliche Kommunisten. Stalins Paranoia erzeugte die stetige Vorstellung des Komplotts, die eine umfangreiche Überwachung und Denunziation nach sich zog. Das war im Dritten Reich ähnlich, wahrscheinlich bezog man sich aber hier mehr auf die offensichtlich Neutralen oder Gegner. Derartige Säuberungswellen wie unter Stalin sind aber nicht bekannt.

Gefolgt werden kann de Benoist auch in seiner Meinung, daß die „nationalsozialistischen“ Verbrechen nicht einzigartig und einmalig in der Weltgeschichte stehen: „Die zum Verüben eines Verbrechens angewandten Mittel können zwar noch nie dagewesen sein, sie machen aber dieses Verbrechen deshalb nicht ,einzigartig’. Der kriminelle Charakter einer Tat ergibt sich aus dem Wesen dieser Tat, und nicht aus den Mitteln, die zu ihrer Ausführung benutzt werden. Jedes Ereignis fügt sich in einen Zusammenhang ein und kann daher mit einem anderen in Beziehung gebracht werden. Jedes Ereignis ist zugleich einmalig und universal, überaus einzigartig und überaus vergleichbar.“

Es stimmt außerdem, daß heutzutage Nationalismus in der öffentlichen Meinung immer schon nach Faschismus riecht, der als gleichbedeutend mit dem Nationalsozialismus gedacht wird. Aber nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gilt auch das Umgekehrte, trotz der anderen Meinung von de Benoist: auch Sozialismus wird heute von der herrschenden Klasse gern in die potentielle Nähe des Stalinismus gerückt.

Die teils unterschiedliche Beurteilung von „Nationalsozialismus“ und „Kommunismus“ hat nach de Benoist mit dem Bonus zu tun, daß Stalin auf der Seite der Alliierten den Krieg gegen Hitlerdeutschland gewann. Er führt das im Weiteren aus, verkennt aber völlig die Tatsache, daß fast augenblicklich nach Ende des 2. Weltkrieges die Sowjetunion zum Feindbild Nummer eins der Alliierten wurde und es bis zu ihrem Zerfall blieb. Hier soll dazu die These gewagt werden, daß die Wehrmacht für die späteren Alliierten wunderbar geeignet schien, die „Dreckarbeit“ zu erledigen, und als sie an der Aufgabe der Vernichtung der Sowjetunion scheiterte, nun ihrerseits, und zwar von allen Seiten, bekämpft wurde. Das alliierte Bündnis mit Stalin war also ein reines Zweckbündnis, das nach Zielerreichung sofort zerfiel. Nur im Ostblock kann der Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht und der daraus resultierende verordnete Antifaschismus als Erklärungsmuster dienen.
Was möglich ist: die Kriegsereignisse, insbesondere der Kampf um Stalingrad, deckten die Ereignisse in den Gulags praktisch zu, die kämpferischen und politischen Taten der SU überlagerten sich in der Öffentlichkeit.

Allerdings führte die geistige Ableitung in den Köpfen vieler Kommunisten: SU leitet den kommunistischen Kampf gegen den Faschismus, also arbeitet Kritik an der SU dem Faschismus in die Hände, zu vielen Fehlentwicklungen, die auch und gerade nach Ende des Krieges Raum griffen. So ist es bis heute in der Linken tatsächlich so, daß Kritiker auch aus den eigenen Reihen stetig mit dem Faschismusvorwurf konfrontiert werden.

De Benoist findet allerdings im Weiteren auch keine eindeutige Definition von Faschismus, schließt sich mithin der in seinen Augen gängigsten an, nach der „Faschismus als allgemeine Kategorie ein Mischsystem darstellt, das einen vom Materialismus gereinigten Sozialismus mit einem jakobinischen (zentralistischen) Nationalismus verbindet – das Ganze vor dem Hintergrund der Krise des Mittelstands, der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und des explosionsartigen Fortschreitens der Moderne“.
Nach ihm ist der Nationalsozialismus übrigens kein Faschismus wie auch der Sozialismus kein Kommunismus ist, mit unterschiedlichen Auswirkungen auf ihre Betrachtung.

In diesem Zusammenhang taucht dann endlich und erstmals ein Definitionsversuch des Begriffs auf, der dem Buch den Titel gab: Totalitarismus. Für de Benoist greifen die herkömmlichen Erklärungsversuche zu kurz. Er räumt natürlich die statischen Elemente ein: „Kult eines aus dem Volk stammenden obersten Chefs; Einheitspartei, die das gesamte gesellschaftliche Leben unter ihre Kontrolle bringt; eine Ideologie, die der Diskussion entzogen und zur Staatswahrheit erhoben wird; Mobilisierung der Massen, die das Privatleben nicht ausspart; allgemeiner Terror gegen die ,Volksfeinde’; uneingeschränktes Informationsmonopol; Absorption sämtlicher Einrichtungen und des Rechts usw.“ Entstehung und Entwicklung würden damit aber nicht erklärt. Inspiration und Zielsetzung seien für totalitäre Systeme maßgebend. Dafür sei eine sich entwickelnde geistige Haltung notwendig: „eine manichäische und messiansiche Vision ,religiöser’ Art“ und ein „extremer Voluntarismus, der mit einer uneingeschränkten Zustimmuung zu den Werten der Moderne einhergeht“, sich im übrigen aus den Ideen der Französischen Revolution speist. Wesen und Prinzip des Staates würden in eins fallen. Wichtig seien eine dualistische Weltanschauung mit klaren Freund- und Feindbildern, das Vorbereiten einer neuen Ära und der grenzenlose Wille, eine neue Ordnung zu errichten, die als ewig angesehen werden soll. Dabei solle ein totaler Bruch mit dem Althergebrachten erfolgen. Determinismus und Moralismus seien Grundkonstanten solcher Gesellschaften. Der Kampf gelte als wichtiges Prinzip. Menschliche Vielfalt solle in einem Einheitsprinzip aufgelöst werden.

Wie kommt es aber nun zu totalitären Gesellschaften? De Benoist antwortet hierauf mit Hanna Arendt. Sie sah „eine klare Verbindung zwischen der Atomisierung des Menschen, verursacht durch den zunehmenden Einfluß des egalitären Individualismus, und der totalitären Erscheinung. Für sie war der Totalitarismus eine Antwort auf die ,Entzauberung der Welt’, auf die Auflösung der Zwischenkörperschaften, auf den kulturellen und sozialen Zerfall der modernen Industriegesellschaften, in denen die Beschleunigung der Entwicklung jene Lebensweisen zerstörte, die mit den organischen Primär-Gruppen (Familien, Dorfgemeinschaften usw.) zusammenhingen. Ihrer Ansicht nach stand sein plötzliches Auftauchen im Zusammenhang mit dem Erstarken entwurzelter Massen (mob), die der Untergang der traditionellen Gemeinschaften, Vereinigungen und Stände formbarer und verwundbarer denn je gemacht hat“. Eine Anmerkung sei erlaubt: Befinden wir uns heute in einer anderen Situation als damals?

Interessant ist de Benoists Gedanke, daß sich die totalitäre Gesamtgesellschaft mit der Macht deckt, die sie legitimiert. Damit wird diese Form der Herrschaft zu einer Herrschaft aller über jeden. Das Zusammenfallen des Politischen mit dem Sozialen würde ersteres zum Verschwinden bringen, da es keinen Raum der bloßen Arbeitsteilung und Bedürfnisbefriedigung mehr geben würde.
Der Totalitarismus, so schreibt er, hangelt sich immer an seinem Gegner entlang, der stets scharf gezeichnet wird. Fällt dieser Gegner weg, muß aus den eigenen Reihen ein neuer beschafft werden. Stetiger Bürgerkrieg und die Säuberung als Verwaltungsmaßnahme werden zu Kennzeichen. Das alles geschieht unter den Vorzeichen der Moderne und der Formbarkeit der Welt durch den Menschen. Hier greifen also die modernen Wirtschaftsroutinen, Massenkonsum, Rationalisierung der Produktion, Vorrangstellung der Technik, Massentourismus, Autoverkehr und die Entwicklung der Großstädte. Adorno und Horkheimer als wichtigste Vertreter der Frankfurter Schule behaupten sogar, daß der Nationalsozialismus ohne den Rationalismus der Aufklärung, den er zu bekämpfen vorgab, nicht möglich gewesen wäre. Der praktische Ursprung liegt, wieder nach de Benoist, aber in der Französischen Revolution, die ganz ausdrücklich Rettung der Welt und Vernichtung eines Teils von ihr zusammenbrachte. Das war verbunden mit der Beseitigung vermittelnder Instanzen und der Setzung einer allumfassenden Zentralmacht. Sollte dieses Vorgehen allerdings totalitär sein, so gilt es nicht nur für „Nationalsozialismus“ und „Kommunismus“, sondern auch für eine weitere Spielart der Moderne: die aktuelle.

Auch die liberale Demokratie beruft sich auf die Aufklärung und die Französische Revolution, konstatiert de Benoist. Ist sie deshalb eine Variation des Totalitarismus?
Nun, ihre Leitlinien, sind Vernunft und Nützlichkeit. Aber was passiert wohl mit jenen, die nicht vernünftig und nicht nützlich im technischen Sinne sind?
Totalitarismus kann heutzutage ebensogut durch Überredung und Konditionierung erzeugt werden. Und das wird er, wie dargelegt wird. Anzeichen sind: „ein im Grunde prometheisches Wesen wissenschaftlicher Betätigung, Automatisierung der Technik (,alles, was technisch machbar ist, wird es auch praktisch sein’), Beschleunigung der industriellen Konzentration und Bildung von Monopolen, Vereinheitlichung des Lebenswandels und zunehmend konformistische Ausrichtung des Denkens, soziale Anomie, die sich aus der widersinnigen Verbindung von Individualismus und Massenanonymität ergibt, Ausbreitung der ,kulturellen Willkür’, die die Sozialisierung der Menschen über die Medien mit sich bringt.“

Das Eintreten für Menschenrechte ist in liberalen Demokratien mit kriegerischen Auseinandersetzungen verbunden, die diejenigen bekämpft, die dann wohl praktisch nicht zu den Menschen zählen. Ihre Normen im Namen der Vernunft und der Rationalität setzen sie absolut, und das weltweit. Für eine Pluralität der Werte sind sie nur auf dem Papier. De Benoist erkennt: „Mit anderen Methoden behaupten heute der Markt, die Technik und die Kommunikation, was die Staaten, die Ideologien und die Armeen gestern behaupteten: die Legitimität der vollständigen Weltherrschaft“. Der Mensch wird zum Objekt, zum bloßen Warensklaven und nur nach seinem kommerziellen Nutzen bewertet. Die neue Politik heißt Ökonomie. Der öffentliche Raum wird allmählich ,privatisiert’ und so für den einzelnen unübersehbar. Die Zensur durch den Markt ist allgegenwärtig. Werbung löste Propaganda ab. Geschmäcker, Gefühle und Sitten werden standardisiert. Konsum strukturiert soziales Verhalten immer gleichförmiger. Wirkliche Eigenständigkeit verschwindet allmählich. Die vorhandenen politischen Parteien bilden im Grunde eine neue Einheitspartei, die sich in ihren Spielarten nur noch durch Gesinnungstendenzen unterscheidet. Die Richtungen unterscheiden sich nicht mehr durch unterschiedliche Standpunkte, sondern nur noch durch die Wahl der einzusetzenden Mittel.

Den historischen Totalitarismen spricht de Benoist positive Wirkungen übrigens nicht ab. Anderenfalls seien die zu beobachtenden Nostalgien nicht verständlich. Gutes und Böses wirkte in ihnen zusammen. Er zitiert Solschenizyn, der dazu äußerte: „Die Trennungslinie zwischen Gut und Böse geht durch das Herz jedes Menschen“. Niemals sei das Böse ganz auf der einen und das Böse ganz auf der anderen Seite zu finden.

Anschließend behandelt er die Frage, ob ein anderer „Kommunismus“ und auch ein anderer „Nationalsozialismus“ möglich gewesen wären. Ihm geht es hier um den Zusammenhang von Theorie und Praxis. Deutlich kommt er zu dem Schluß, daß nicht die Ideen durch ihren Mißbrauch diskreditiert werden, sondern die Taten, die in ihrem Namen begangen werden. Für ihn wird zum Beispiel deutlich, daß diejenigen, die den zeitweiligen Terror in der Sowjetunion zu verantworten haben und sich mit dem Namen von Karl Marx schmückten, alles waren, nur keine Marxisten. De Benoist stellt fest: „Keine Doktrin kann ausschließlich an den Taten derjenigen gemessen werden, die sich auf sie berufen haben. Umgekehrt: Kein im Namen einer Idee begangenes Verbrechen wird jemals genügen können, um diese Idee völlig zu diskreditieren.“
Dennoch bleibt die Behauptung von Nicolas Werth im Raume stehen, daß „der Nationalsozialismus die völlige Entsprechung von Doktrin und Realität ist“, während „der Kommunismus das Auseinanderfallen von Doktrin und Realität darstellt“. Eine befriedigende Erwiderung hierauf findet de Benoist nicht.

Abschließend resümiert er: „Die modernen Totalitarismen waren Produkte einer Moderne, die nunmehr selber abgeschlossen ist. Die 1917 eingeläutete Ära kam 1989 zu ihrem Abschluß. Die Postmoderne läßt eine Problematik hervortreten, die mit dem, was ihr vorangegangen ist, nichts gemein hat.“
Bei allem Respekt: hier irrt de Benoist. Die Frage stellt sich allerdings, ob uns alte Formen und Inhalte und ständige Blicke zurück für die Zukunft Rat erteilen können. Wenn, dann nur insofern, weiterzudenken und uns endlich den Problemen der Gegenwart zu stellen.