Im Jahr 1803 legte der letzte Habsburger beim Reichsdeputationshauptschluss die Kaiserkrone nieder. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hörte nach tausend Jahren auf zu bestehen. Die Deutsche Frage wurde in diesem Moment aufgeworfen. Fremde Mächte – zunächst Frankreich und Rußland – maßten sich an, über das deutsche Schicksal zu bestimmen. Deutschland hörte auf, als Staat zu existieren und bestand wie Italien und Polen nur noch aus mehreren ungefähr abgrenzbaren Regionen. Diese Form war die von den Konkurrenten um Macht und Einfluss bevorzugte und ist sie bis heute.
Das alte Bewußtsein einstiger Größe aber starb nicht. Freiherr vom Stein bekannte angesichts der Niederlage Napoleons:
„… ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben. … mein Wunsch ist, daß Deutschland groß und stark werde und seine Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Nationalität wiedererlange. Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit.“
Im Vormärz und während der Revolution von 1848 erschienen zahlreiche Veröffentlichungen, die den Gedanken der Reichseinigung aufnahmen. Es ging um den gangbaren Weg zum deutschen Staat und um seine Grenzen. Aufgrund machtpolitischer Umstände setzte sich die kleindeutsche Variante gegenüber der großdeutschen durch. Es kam zur Reichseinigung von 1871 und dem Deutschen Reich unter Bismarck.
Neben anderen Gegnern im Ausland glaubte besonders Frankreich nicht an eine dauerhafte Stabilität des Deutschen Reiches und setzte sich sehr für seine Zerschlagung und Aufspaltung in Kleinstaaten ein. So lauteten dann auch die Kriegsziele der Entente zu Beginn des Ersten Weltkriegs, so versuchte Frankreich nach der Niederlage Deutschlands die Nachkriegsordnung herzustellen.
Der Historiker Jaques Bainville beschrieb das Streben Frankreichs nach deutscher Teilung 1920 in seinem Buch „Les Consequences politiques de la paix“. Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien es in 40 Auflagen.
Die Deutschen jedoch wünschten im Gegenzug nichts sehnlicher, als das „Joch“ von Versailles abzuschütteln und die Deutsche Frage vollständig zu lösen, wie Karlheinz Weissmann schreibt: „durch die Wiederherstellung der Wehrhoheit, die Beseitigung der Reparationslasten, die Rückgewinnung der verlorenen Gebiete im Osten und den Anschluß Österreichs“.
Die nationale Bedeutung dieser Fragen wird an der Unterstützung dieser Ziele bei allen Parteien zu dieser Zeit- von links bis rechts – deutlich.
Hitler ging es jedoch um mehr als die Revision von Versailles und die Lösung der Deutschen Frage. Das Scheitern seiner Politik mit dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs machte die Fortsetzung der Politik der Alliierten möglich: „Vollendung der Annexionen durch Frankreich, Rußland und Polen, dauernde Aufteilung des Restgebiets“ (KHW).
Die Spaltung der Welt in zwei Blöcke mit Grenzverlauf quer durch Deutschland machte eine selbständige Lösung der Deutschen Frage auf viele Jahre unmöglich. Erst durch die Zustimmung der USA und der Sowjetunion konnte die Teilung überwunden werden.
Die europäischen Nachbarn, allen voran Frankreich und Großbritannien, schauten mit Unbehagen auf die deutsche Einigung. Für sie war ein einiges Deutschland ein Unruheherd im Herzen Europas.
Der russische Dichter Dostojewski brachte die Sonderstellung der Deutschen auf den Punkt:
„Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist sein Protestantentum: nicht allein jene Form des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein ewiges Protestantentum, sein ewiger Protest, wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und darauf gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom überging, und auf all die Völker, die von Rom seine Idee, seine Formel und sein Element empfingen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht…
Der charakteristischste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit allen Erben der altrömischen Bestimmung.“
Diese Aussage deckte sich im Großen und Ganzen sowohl mit dem normalen deutschen Nationalverständnis als auch mit der Auffassung vieler urteilsfähiger Franzosen, Engländer und Italiener.
Gerade der preußische Staat hatte die erfolgreiche Suche nach einem „Dritten Weg“ als Verbindung von Freiheit und Ordnung deutlich gezeigt.
Die Deutschen haben es bisher nicht geschafft, ihre geistigen Hauptspannungen ins Gleichgewicht zu bringen: Individualismus steht gegen Universalismus, Materialismus gegen Metaphysik, Anarchie gegen Ordnung.
Sie fanden nicht wie andere Völker eine Antwort auf die Frage ihrer Existenz. Ihnen ist weder die Lässigkeit des mediterranen Raums, noch der Stil der Franzosen, noch der Pragmatismus der Engländer zu eigen.
Aber zu guten Zeiten erinnern sie sich wieder ihres eigenen Charakters: das Unabschließbare, der Vorrang des Werdens gegenüber dem Sein, das Grundsätzliche, die weitgehende Unfähigkeit zur Taktik, die mangelnde Möglichkeit zur Verstellung kennzeichnet sie.
Nach der Wiedervereinigung ist allerdings folgender Sachverhalt zu beobachten:
„Modernisierung, und das heißt eben „Verwestlichung“, Globalisierung, und das heißt auch Masseneinwanderung, haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer Umprägung Deutschlands geführt, die es immer weniger sinnvoll erscheinen läßt, nach den Deutschen und ihrem Wesen zu fragen.“(KHW)
Mit anderen Worten: unser Volk stirbt! Dieses Schicksal teilt es mit den anderen weißen Völkern.
ABER: Soll das ein Trost sein? Soll die Deutsche Frage durch das physische Verschwinden des deutschen Volkes gelöst werden? Oder gibt es noch einen anderen Weg?!
Dostojewski bezeichnete die Deutsche Frage als eine „Weltfrage“, als eine prinzipielle Möglichkeit menschlicher Existenz. Dieses Prinzip werden wir nicht kampflos aufgeben.
(Vielen Dank auch an Karlheinz Weissmann und seinen Beitrag „Die Deutsche Frage“ in Sezession 32/2009)