Unheilbar deutsch
Der nachfolgende Bericht stammt aus der Sammlung „Unheilbar deutsch“ des Journalisten Peter Sichrovsky. Er interviewte, eher liberal bis linksgerichtet, zu Aufklärungszwecken Deutsche unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Gegenden des Landes, die alle mehr oder weniger „rechte“ Ansichten äußerten.
Spätestens bei diesem Interview dürfte auch er ins Nachdenken gekommen sein.
Bewohnerin, 62, Gründerin eines Hauskomitees
Es ist so, daß dieses Haus zugrunde geht. Wir sind nur noch wenige, die nicht aus der Türkei oder Rumänien oder Polen sind. Die ersten zwei Stockwerke und die Keller sind ganz in den Händen von denen. Im dritten und vierten Stock leben noch wir.
Angefangen hat es vor vielleicht fünf Jahren. Da hat die Hausverwaltung die Keller als Lagerräume für das türkische Lebensmittelgeschäft vorne an der Straße vermietet.
Aus den Lagerräumen sind Wohnungen geworden, aus den Wohnungen Lagerräume, aus dem Kinderspielplatz eine Autowerkstatt und aus der Sandkiste ein Grillplatz. Unser Haus wurde zu einem Klein-Istanbul, und niemand kann sich vorstellen, was wir durchgemacht haben. Wir, damit meine ich die wenigen Deutschen, die noch hier sind. …
Sie werden jetzt sicherlich sagen, wieder so eine, die gegen die Ausländer ist. Aber ich war nicht immer so.
Ich leben hier seit Jahren mit Ausländern. Meinen Kaffee trink’ ich beim Italiener, das Gemüse kauf’ ich beim ‘Griechen, und das Fleisch hol’ ich von einem türkischen Laden. Ich eß’ doch so gerne Lammfleisch.
Aber niemand, niemand kann sich vorstellen, was hier in dem Haus heute los ist.
Wenn ich im Fernsehen die großen Künstler sehe, die uns alle ermahnen, wir sollten doch nett zu den Fremden sein, und uns als alte Nazis beschimpfen, wenn wir gegen sie sind, dann denk ich mir immer, einmal sollte er herkommen, zu mir her und hier eine Woche wohnen. Ich tausch’ mit ihm, zieh’ in seine Villa und sag’ auch die klugen Sätze in den Fernsehshows. Er darf hier bleiben, so lange er will. Wenn er dann immer noch so viel Verständnis für die Fremden hat, zieh ich meinen Hut vor ihm. Mir hat noch niemand erklärt, warum sie hier leben müssen. Mir haben sie immer nur erklärt, daß ich sie so akzeptieren muß, wie sie sind! weil ich sonst eine Rassistin bin.
Einer von denen, die immer so verständnisvoll sind, hat in einer anderen Sendung einmal gesagt, … daß er nur Seidenunterwäsche trägt. Und daß er seine letzte Scheidung immer wieder versäumt hat, weil er bis Mittag geschlafen hat, und dann waren die Behörden nicht mehr geöffnet. Ich hab’ ihn dann später bei so einer Lichterkette gesehen, hat die großen Worte gesagt!
Und so einer will mir erklären, daß ich eine alte Nazi-Sau bin? Weil ich es hier nicht mehr ertrage? Der will mir sagen, ich soll die alle gern haben, die mir mein Haus zuscheißen? Einmal möcht ich den persönlich treffen und in mein Haus hier einsperren, wenn er es eine Woche aushält, arbeite ich ein Jahr lang umsonst als seine Putzfrau!
Hier wohnt eine junge Lehrerin, alleine mit ihrem Sohn. … Die hat was mitgemacht! Sie war am längsten auf seiten der Fremden, hat sie immer verteidigt, hat mich immer kritisiert, mich als eine Rechtsextreme bezeichnet. Bis eines Tages ihr Postkasten unten aufgebrochen war und all die Briefe auf dem Boden lagen, aufgerissen. Sie war zwei Wochen auf Urlaub, und als sie zurückgekommen ist, stand sie vor dem Briefkasten und hat geweint. Die ganzen Briefe lagen auf dem Boden, völlig verdreckt, sie sind einfach alle drübergestiegen.
Die Frau … hat einen der Türken gefragt, ob er wüßte, wer das getan hat. Ganz freundlich war sie, sie hat ja immer so nett gesprochen. Wissen Sie, was der ihr geantwortet hat? Ich nichts wissen, du Schlampe! Und dann hat er gelacht. Die Frau … ist ausgerastet, die hat durchgedreht. Ist ihm nach und hat ihn angebrüllt. Der hat sich umgedreht und stieß sie mit der Hand von sich weg, so daß sie nach hinten fiel.
Es ist ihr nichts geschehen, aber der Kleine neben ihr hat geweint vor Schreck. Sie saß auf dem Boden, und die Türken unten haben gelacht.
Dann war es vorbei mit dem großen Verständnis bei der Frau … . Sie ist täglich zur Polizei gelaufen mit neuen Anzeigen, hat ihren Anwalt eingeschaltet, hat Briefe an die Hausverwaltung geschrieben. Alles völlig nutzlos. Jetzt muß sie jeden Tag das Fahrrad ihres Sohnes vier Stockwerke hinaufschleppen. Es war immer gleich weg, auch wenn es angekettet war.
Jeder hat Angst hier. Man hört Schreie in der Nacht., die prügeln sich, schlagen ihre Frauen, ihre Kinder. Wenn es dunkel ist, geht keiner mehr vor die Tür. Man muß ja durch den Hof, wenn man nach Hause kommt. Und durch diesen Hof möchte ich nicht gehen, wenn kein Tageslicht mehr ist.
Früher, wie noch wenige Türken hier gewohnt haben hat [der Schuster, der hier wohnt] ihnen immer die Schuhe gebracht, die liegenblieben, die keiner abgeholt hat. Aber jetzt ist nurmehr Haß da. … Ich glaub, es ist vor allem, weil ein anderer Schuster, ein Russe, glaub ich, ihm sein Geschäft ziemlich kaputtgemacht hat. Der hat in der gleichen Straße einen Laden aufgemacht und war viel billiger.
[Im zweiten Stock] regieren die Türken., und kein Polizist hat den Mut, hier einzugreifen. …
Hören Sie! Jetzt brüllt der eine, gleich wird seine Frau weinen. Er schlägt sie wie einen Hund! Jede Woche geht sie zum Arzt, seine Frau. Hält sich den Bauch oder hat ein geschwollenes Auge. Der Mann ist wie ein Tier! …
Ich hab mich einmal eingemischt, als ich das Weinen der Frau gehört habe. …Wie der mich beschimpft hat, will ich gar nicht wiederholen. Aber das Schlimmste war, daß dann noch seine Frau von hinten kam, die, die er verprügelt hatte, und auch die ist gegen mich losgegangen. Alte Hure! Haben sie geschrien, und lauter solche Sachen. Nie wieder werde ich mich einmischen!
Und der Mist vor der Tür! Sehen Sie doch! Hier stehen immer die Plastiktüten! Es ist schrecklich. Das ganze Treppenhaus stinkt wie eine Toilette! Da liegt der Abfall der letzten Tage! Verfaultes Gemüse, alte Milchpackungen, in denen noch Milchreste sind, Knochen liegen da herum! Die sind zu faul, das alles in die Mülltonnen zu werfen!
hier im ersten Stock wohnen die, die sich keine eigenen Wohnungen leisten können. Einer ist der Mieter und zahlt auch jeden Monat, aber er vermietet jedes einzelne Zimmer weiter. …
Sehen Sie! Sogar auf dem Gang Matratzen. … Der hat also bis zu 30 Personen in dieser Wohnung, in der ich alleine lebe. Wen wundert es, daß alles überquillt, alles im Dreck erstickt und die Toiletten ständig verstopft sind. Die Kinder pinkeln ins Treppenhaus. Die Männer erbrechen sich, wenn sie zuviel gesoffen haben, den Müll stellen sie vor die Tür, Tag und Nacht brüllt ein Kassettenrecorder.
Das war mal die Wohnung von einem Schriftsteller. … Aber wer ist nach ihm hier eingezogen? Eine Gruppe von türkischen Männern, die hier leben als wäre es St. Pauli. Sie trinken, schreien, schlagen sich, bringen ihre Frauen vom Türkenstrich und verprügeln auch die. Ein Horror! Ich kann sie alle nicht mehr sehen. Ich will nur noch, daß sie verschwinden. Und wenn es die rechteste oder linkeste Partei ist, solange sie nur die Ausländer hinausschmeißen, hier mal Ordnung machen, haben sie meine Unterstützung.
So, hier, das war einmal der Kohlenkeller. Später hat ihn das Gemüsegeschäft als Lager verwendet. Und jetzt ist es ein Massenquartier. Da unten schlafen oft zehn oder zwanzig Menschen. Frauen, Kinder, alte Männer, Kranke, Schwangere, das ist Sodom und Gomorrha. Da unten leben die Rumänen, alles Illegale. Die haben von den Türken den Keller gemietet.
Die haben weder Toiletten, noch Badezimmer. Sie machen ihre Geschäfte in normale Eimer, die sie dann in die Mülltonne leeren. Waschen können sie sich auch nur in den Wohnungen oben im ersten Stock oder ausch aus einem Eimer.
Darf ich jetzt nicht meine paar Jahre, die ich hier noch herumlaufe, wie ein Mensch leben? … Ständig werde ich angemacht von den Typen unten. Jugendliche schlagen mir die Handtasche runter, nehmen mir sogar die volle Einkaufstüte weg, wenn ich vom Laden komme. Beschimpfen mich mit den schrecklichsten Wörtern, die man sich vorstellen kann. Können kaum deutsch, aber werfen einem Wörter wie Hure, alte Schlampe, Drecksau, Schwein an den Kopf.
Hier sieht es aus wie in den Fernsehfilmen, wenn sie von den Elendsquartieren in der Dritten Welt berichten. Wozu kommen diese Menschen hierher?
Keiner kann mir erzählen, dass sie es nicht besser hatten in ihrer Heimat.
Dort drüben, wo die zwei Bänke stehen, dort saß ich oft mit meinem Mann. …
Und heute? Unmöglich. Wenn sich eine von uns hierher setzt, kommen die kleinen Türken und sagen, verpiß dich, Omi, das ist unsere Bank. So reden die mit uns. So viel Deutsch können sie! Ist das überhaupt noch unser Haus, unser Land?
Da drüben im Seitentrakt, im ersten Stock lebte ein Arzt mit seiner Frau. … Er ist längst tot, und in seiner Wohnung lebt eine plnische Familie. Die sind nicht so schlimm wie die anderen. Nur am Samstag kommen oft zehn oder zwanzig Freunde von ihnen, und dann saufen sie ihren Wodka bis in die Morgenstunden. Da gab es schon oft Prügeleien mit den Rumänen aus dem Keller. Die können sich nicht leiden. Im Sommer, am Sonntagmorgen, sieht man sie dann im Hof liegen, betrunken vom Vortag. Und überall haben sie hingekotzt. Das ist aus unserem Hof geworden!
Aber sehen Sie sich um – kann man da nicht die Nerven verlieren? Die Sandkiste! Das war einmal ein Spielplatz, bis sie angefangen haben, dort ihre Motoren zu reparieren. Hereinfahren können sie nicht in den Hof. Sie bauen die Motoren aus und tragen sie wieder zurück.
Am liebsten arbeiten sie in der Sandkiste, weil dort das ganze Öl einfach versickert. Schwarz ist der Sand jetzt, schwarz und voller Öl, schmutzig, widerlich das Ganze.
Das Haus geht langsam zugrunde. Im Vorderhaus, wo in den großen Wohnungen früher wohlhabende Familien lebten, zogen Wohngemeinschaften mit Studenten ein. Im Hinterhof dominieren die Türken. Der Strom wird manchmal abgeschaltet, weil die Türken die Leitungen anzapfen, immer wieder riecht es nach Gas, weil sie die Rohre selbst verlegen. Der Müll wird oft nicht geholt, weil so viel neben den Tonnen liegt, daß die Müllabfuhr nicht in den hinteren Hof kommen will und das Haus einfach ausläßt.
Am besten ist es noch im Winter. Da bleiben sie in ihren Löchern und Höhlen. Kein Grillabend im Hof und keine Lautsprecher dröhnen aus den offenen Fenstern. Auch das Treppenhaus und der hintere Hof stinken nicht so, wenn es kalt ist.
Letzte Woche ist eine Familie aus dem dritten Stock im rechten Hinterhof ausgezogen. Die hatten vier kleine Kinder. Die Frau hielt es nicht mehr aus. Sie war jung und schön, vielleicht dreißig Jahre alt. Jeden Tag hat sie einer von den Türken angemacht, jeden Tag. Daß sie vier Kinder hatte, hat die nicht gestört. Jetzt sind sie weg und mit ihnen die letzte junge deutsch Familie. Wenn dort jetzt die nächsten Ausländer einziehen, ist es vorbei. Bis jetzt hab ich nur dunkle Gestalten gesehen, die zur Besichtigung da waren.
Wer will denn hier noch wohnen? Ich versteh ja so eine normale deutsche Familie, was will sie hier bei uns? Wenn dort die Türken hineinkommen, dann gehe ich. Dann zieh’ ich zu meiner Tochter oder gleich ins Altersheim. Wenn es mit meinem Haus zu Ende geht, dann hab ich auch nicht mehr lange.