Weltanschauung
Die folgende Szene entstammt Ehm Welks Buch Die Gerechten von Kummerow, Hinstorff Verlag, Rostock 1967.
Geschildert wird eine Begebenheit bei der jährlichen „Visitation“ der Kummerower Dorfschule durch den Kreisschulinspektor Superintendent Sanftleben. Anwesend sind außer ihm noch der Dorfpfarrer Pastor Breithaupt, der Lehrer Kantor Kannegießer und achtzig Schulkinder.
Die Szene zeigt: es kommt nur auf die richtige Weltanschauung an… Und manchmal ist genau das „Verkehrte“ das Richtige.
Er [der Superintendent] holte tief Atem, überzeugt, ein paar junge Seelen der materialistischen Weltanschauung entzogen zu haben. Und in lehrerhafter Wiederholung stellte er die Frage noch einmal, eindringlicher: „Wann sieht die Erde am schönsten aus?“
Diesmal war es Traugott Fiebelkorn. Mit der Sicherheit eines Philosophen, der sein System für das allein richtige hält, verkündete er den weisheitsvollen Satz: „Wenn wir sie verkehrt anschauen!“
Hätte das Schopenhauer oder, andersherum, Leibnitz gesagt, es wären dicke Diskussionen in aller Welt gefolgt. So gab es nur ein zwar verwundertes, aber mitleidiges Kopfschütteln und die Frage: „Verkehrt – wie denn?“
Wohl zwanzig Finger waren hoch, doch Traugott ließ sich den Triumph, es als erster gesagt zu haben, nicht nehmen. „Na so, den Kopf ganz tief runter, und dann durch die Beine gucken!“
Pastor und Kantor lachten, der Superintendent blickte ehrlich erstaunt umher. Er glaubte es anscheinend nicht. Johannes wollte ihn belehren: „Doch, Herr Zupperdent, das machen Sie man nachher. Dann ist alles viel deutlicher und viel bunter auch.“
Die Vorstellung, der lange und würdevolle Superintendent könnte vielleicht auf dem Damm den Kopf durch seine gespreizten Beine stecken und sich die Welt von unten und hinten ansehen, ließ das Lächeln auf des alten Lehrers Gesicht wohl länger als geziemend verweilen. Leicht gereizt sprach ihn der Superintendent an: „Wie kommen die Kinder zu solchem Unsinn?“
Kantor Kannegießer war sogleich ernst. Doch für ihn antwortete schon der Erste. „Das hat uns Krischan gezeigt. Und Unsinn ist das gar nicht, nicht wahr, Herr Kantor?“
Der versuchte eine ungeschickte Erklärung des Phänomens, in der gesteigerter Blutdruck, veränderter Gesichtswinkel und so weiter eine Rolle spielten. Kopfschüttelnd hörte der Superintendent zu. Dann fragte er, ganz außer Fassung: „Haben Sie das etwa ausprobiert, in Ihren Jahren?“
Kantor Kannegießer bekannte: „Damals, als Krischan das aufbrachte, war ich noch jünger. Aber ich meine, auch das Alter enthebt den Lehrer nicht der Pflicht zur Nachprüfung einer Behauptung von Schülern.“
„Bei offenbarem Unsinn sehr wohl“, beendete der Superintendent den Streit um die verkehrte Weltanschauung. Wollte ihn beenden, denn da ging noch ein Finger hoch und zog gleichsam ein elfjähriges Mädchen mit empor. „Es ist aber so, Herr Superintendent, mein Papa, der weiß es auch!“ Die Sprecherin war Pastors Ulrike.
Pastor Breithaupt war während der Diskussion über die Einwirkung der Kummerower Optik auf die Geoplastik und Erkenntnistheorie im Zweifel gewesen, ob er sich einmischen sollte oder nicht, doch da seine dreiste Tochter ihn zum Bekennen zwang, lachte er vergnügt: „Es war beim Heuen, sie war mit, und wir sprachen über die Schönheit der Heimat. Da versetzte sie mir die Weisheit des alten Krischan. Na, Sie kennen das Mädel ja, wenn sie was will, läßt sie nun mal nicht locker.“
„Und da haben Sie“ – fassungslos sah der Superintendent den geringeren Amtsbruder an, und zugleich hingen die gierigen Augen von achtzig Schulkindern am Gesicht ihres Seelenhirten.
„Da habe ich! Wir waren ja allein.“ Daß er den entschuldigenden Nachsatz für nötig gehalten hatte, ärgerte ihn plötzlich. Himmelherrgott, wie weit hatten sie einen doch gekriegt mit ihrem Geschwätz von Amtswürde.
„Und – “
„Es ist etwas Wahres dran. Ich erkläre es mir… “