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Archiv für die Kategorie ‘deutsche Geschichte’

Nation und Sozialismus – eine Entwicklung

Mai 11, 2007 dsnation Kommentieren

Wer heute noch glaubt, eine gesellschaftliche und politische Wende, die sich wirkliche Chancengleichheit, vergleichbare persönliche Ausgangsbedingungen und ehrliche zwischenmenschliche Gerechtigkeit auf die Fahnen schreibt, sei nur mit Hilfe eines grenzenlosen Internationalismus durchzusetzen, der hat aus der Geschichte keine oder die falschen Schlüsse gezogen. Der arbeitet bewußt oder unbewußt der kapitalistischen Globalisierung in die Hände. Und hat sein nicht materialistisch begründetes Gefühl für Zugehörigkeit längst verloren.
Wer dagegen realistisch denkt und klar sieht, der weiß: eine gerechte Gesellschaft ist nur unter Rückgriff auf die Nation zu begründen.
Umgekehrt: wer sich heute noch oder wieder als Teil einer Nation sieht oder sehen will, der muß begreifen, daß ihre Inkraftsetzung nur über eine soziale Einigung und wirtschaftlichen Ausgleich zu haben ist.
Die größten Feinde einer gerechten und lebenswerten Zukunft sind heute nationaler Nihilismus auf der einen und das Privateigentum an den volkswirtschaftlich wichtigen Produktionsmitteln auf der anderen Seite.
Die deutsche Geschichte zeigt, daß der nationale Impuls immer ein starker, wenn nicht der stärkste Motor der Einigung und Zielfindung gewesen ist. Bereits zu Zeiten der germanischen Stammeswelt traten die Fehden und Kleinkriege untereinander zurück, wenn die grundsätzliche germanische Freiheit bedroht war. Ob im Karolingerreich, im „Heiligen Römische Reich Deutscher Nation“ oder in einzelnen deutschen Kleinstaaten, immer wirkten verbindliche und als Kultur und Ordnung anerkannte Grundwerte und Traditionen im Inneren zusammenfügend und im Äußeren abgrenzend. Deutlich wurde aber auch die zersetzende Kraft der Machtanmaßung Einzelner. Doch sodann, und vielleicht erstmals in der neuzeitlichen deutschen Geschichte, zeigte ein deutscher Staat die einigende Wirkung einer Macht, die sich als „Dienen am Staat“ verstand: Preußen führte deutsches Staatsverständnis zu nationalem und internationalem Ansehen und erzeugte im Inneren durch einen strengen Kodex der Verantwortlichkeit und Organisation wirtschaftliche und gesellschaftliche Blüte. Die durch die soldatisch feste Organisation aufgestellte Armee des preußischen Staates brachte, wo sie zu Angriffen eingesetzt wurde, freilich eine weniger attraktive Seite zum Vorschein und wird von Gegnern der preußischen Idee bis heute als vorrangiges Staatsziel bezeichnet. Dennoch zeigte die Ausbildung des „Preußentums“ im Deutschen, zu welchen Leistungen ein willensmäßig geeintes Volk innen- wie außenpolitisch in der Lage ist. In Preußen selbst ist vielleicht eine erste und entfernte Annäherung an eine wesenseigene deutsche Gesellschaft erreicht worden. Fragwürdig bleiben neben der Betonung des Militarismus in diesem Zusammenhang die aufkeimende Bürokratie und zum Teil repressive hierarchische Gliederung.
Die Einigung der deutschen Länder und ihr Aufgehen im Deutschen Reich setzen einen weiteren Markstein deutscher Geschichte. Sicherlich gingen neue Stärke und Kriegsvorbereitungen Hand in Hand, doch ist das kein deutsches Phänomen und deutlich auf Führung und Zeit beziehbar. Das nationale kriegerische Erwachen endete in einer Niederlage, die es fremden Mächten erlaubte, eine unmäßige Ausbeutung Deutschlands ins Werk zu setzen. Es ist mittlerweile ein Allgemeinplatz, daß der Versailler Vertrag den Keim des nächsten Krieges in sich trug. Denn bis dahin war das deutsche Volk vielleicht ein Volk von Verführbaren (wie andere Völker auch), aber kein Volk von bedingungslosen Duckmäusern. Durch im Grunde alle gesellschaftlichern Schichten ging deshalb auch der Aufschrei der Empörung. Die Hauptlast der Reparationen trugen allerdings die Arbeiter. Sie und die kleineren Angestellten waren dann auch diejenigen, die von Mächten am leichtesten eingefangen werden konnten, die behaupteten, den Versailler Vertrag beseitigen zu wollen, in Wirklichkeit aber die Vorbereitung der Welt für die Ausbeutung durch deutsches Kapital und seine internationalen Verbündeten anstrebten. Der Aufstieg des so genannten „Nationalsozialismus“ zeigt eindrucksvoll, was passieren kann, wenn man die ehrlichen und tiefen Bedürfnisse eines Volkes geschickt so manipuliert, daß sie zur Grundlage eines Weltkriegs werden können.
Der Krieg ging verloren, deutsches Kapital blieb erhalten, gestützt von den internationalen Verflechtungen. Die Hauptlast trug auch hier der deutsche Arbeiter, der deutsche Bauer, der deutsche Angestellte. Am wenigsten betroffen und mitunter sogar als Kriegsgewinnler fungierte der international verflochtene deutsche Großbürger und Konzernherr, dem nach strengen Maßstäben schon längere Zeit eine echte Zugehörigkeit zum deutschen Volk bestritten werden mußte.
Das Ziel der Beseitigung der Sowjetunion, die andererseits gewiß nicht ohne Fehl und Tadel war, gelang nicht. Außerhalb ihrer Einflußzone ging man aber rasch daran, Westdeutschland zu einem Vorposten und Frontstaat des Kapitalismus aufzubauen. Mittels des schönen Scheins der Warenwelt, durch die stetig weiterwirkenden Gefühle nationaler Zusammengehörigkeit zu beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“, über ideologische Angriffe und Lockungen gegenüber der DDR hoffte die kapitalistische Seite, den formal sozialistischen Ostblock weichzukochen.
Die Geschichte entschied nach 40 Jahren zunächst für den Kapitalismus. Dieser fraß über die Jahre ideell und materiell an der Kraft des Gegners. Dessen Schwächung wurde ermöglicht und gefördert durch die kapitalistische Umschließung der östlichen Staaten, ihre Abtrennung von internationalen Märkten und ihr wirtschaftliches Ausbluten über die Preise für Im- und Exporte. Maßgebliche daran beteiligt war natürlich auch der Rüstungswettbewerb zwischen USA und UdSSR, der letztlich zu einer Preisgabe sowjetischer Errungenschaften durch Gorbatschow und damit zu einem Ausverkauf der sozialistischen Möglichkeit führte.
Der Untergang der DDR als unvollkommener Versuch des Aufbaus des Sozialismus in Deutschland ist neben den Gefühlen nationaler Zusammengehörigkeit, schweren innenpolitischen Fehlern und dem nach wie vor vorhandenen Konsumdenken vieler ihrer Bürger wohl auch einem anderen wichtigen Aspekt geschuldet: ihre Gründung geschah unter maßgeblicher Beteiligung der UdSSR, und sie blieb für die Zeit ihres Bestehens von jener politisch und wirtschaftlich abhängig. Ein eigener Weg zu einer gerechten Gesellschaft war so nicht möglich. Die DDR hatte in der Theorie ein fortschrittliches nationales und soziales Konzept. In der Praxis konnte es allerdings zu wenig angewendet werden. Hätte sie sich auf eigene nationale Wurzeln besinnen dürfen, wäre die Möglichkeit eines deutschen Weges zum Sozialismus in greifbare Nähe gerückt.
Heute haben wir mit der Monetarisierung und folgenden Pervertierung so gut wie aller Lebensbereiche in Deutschland zu kämpfen. Doch in einigen Nischen glimmt der Funke des Widerstands. Nahrung hätte er genug, jeden Tag wird mehr Brennstoff bereitgestellt. Ob daraus ein reinigendes Feuer wird, zeigt die Zeit.