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Eine kleine Geschichte

April 23, 2007 dsnation Kommentieren

Ein wohlhabender Mensch hatte einmal eine Idee, und die besagte: Der neben mir ist genauso wichtig und wertvoll wie ich. Ich will mit ihm zusammenarbeiten, das bringt uns beide weiter. Was nützt es mir, mehr zu haben als mein Nachbar, wenn er mich dafür hasst und ich ihm mistraue? Wahres Glück entsteht durch Freundschaft, und die gibt’s nur dort, wo nicht der Füllstand des Geldbeutels zählt. Also gebe ich ihm von meinem Wohlstand ab.
Gesagt, getan. Der Nachbar nahm das ihm angebotene Vermögen nach einigem Zögern gerne an, sagte er sich doch: der hat seit Jahren so viel und ich so wenig, da ist das eigentlich nur gerecht. So kann ich es vielleicht auch einmal zu etwas bringen.
Und da er von ganz unten kam und da niemals wieder hinwollte, setzte er alles daran, etwas mit dem geschenkten Betrage anzufangen. Durch seine Erfahrungen im Bodensatz der Gesellschaft hart und wendig gemacht und mit einer mindestens aufs Materielle gerichteten Schläue ausgestattet, hatte er aber etwas Wichtiges erfahren: mit ehrlicher Arbeit kommst Du niemals oben an, und Rücksicht auf den anderen neben Dir hält Dich nur auf bei Deinem Weg nach oben.
Er lernte in der darauf folgenden Zeit viel: über Anlage und Spekulation, shareholder value und Aktienmehrheit, Bestechung, Korruption, Intrige und Verrat, Rufmord und Medienmacht und den Wert eines guten Anwalts. Das alles verwendete er nur für ein Ziel: die Maximierung des Gewinns. Seines Gewinns.
Ihm war nun vollends klar: es gab eine öffentliche Fassade, die durch das Feigenblatt von Demokratie, Moral, Recht und Gemeinwohlorientierung gebildet wurde. Und es gab die Mechanismen, die das Getriebe wirklich am Laufen erhielten: die Mechanismen der grenzenlosen Wirtschaftsorientierung. Eine soziale Lösung war hier nicht gefragt. Wo sie befürwortet wurde, geschah das nur aus taktischer Sicht, um ein temporäres Ventil für den hie und da aufkeimenden Volkszorn zu schaffen. Auch in den Kreisen der Großunternehmer und Politiker, in die er mittlerweile aufgestiegen war, gab es nur ein immerwährendes Gegeneinander, das durch die Suche nach dem kurzfristigen persönlichen Vorteil bestimmt und nur durch taktische Bündnisse unterbrochen wurde, wenn sich einzelne Haifische zusammenrotteten, um einem anderen den finanziellen Garaus zu machen.
Bestimmte, sonst unterdrückte Charakterzüge wurden zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften und brachten ihn immer weiter, bis ganz nach oben. Er wurde gemein, hinterhältig, hartherzig, kriecherisch, intrigant, auftrumpfend und setzte seine Ellenbogen mal geschickt, mal brutal an jeder Stelle ein, wo es für ihn etwas zu gewinnen gab. Für ihn zählte nun nur noch eins: die Befriedigung seines Egos und das damit einhergehende Gefühl von Macht. Seine materielle Macht musste sich unbedingt mit seiner persönlichen verbinden. Und da er nun wusste, dass man sich für Geld fast alles kaufen kann, benutzte er diese Erkenntnis und wurde zu einem der gnadenlosesten Ausbeuter seines Landes. Aber längst reichten ihm die inländischen Möglichkeiten nicht mehr aus. Seine Fangarme reichten bald in die ganze Welt. Menschliches Leid ließ ihn kalt. Die Welt war nun einmal so, dass sich der Gerissenste durchsetzte, und so verspürte er keinerlei schlechtes Gewissen.
Den vormals wohlhabenden Menschen, der ihm zu seinem Vermögen verholfen hatte, machte er anfangs zu seinem Teilhaber, begann dann aber eine geschickte Rufmordkampagne, so dass dieser sich von allen Ämtern und Verpflichtungen zurückziehen musste und mittlerweile auch finanziell völlig abhängig von seinem früheren Schützling wurde. Dieser dachte in seltenen Momenten noch an die vormalige Unterstützung seines Förderers, legte sie ihm aber nun innerlich sogar als Schwäche aus, die er selber niemals begehen würde.
Nur manchmal, wenn in ruhigen Augenblicken das Geschäft nicht alles dominierte, spürte der neue Reiche einen Verlust. Er bemerkte, dass etwas Entscheidendes fehlte. Und das dieses Fehlen irgendetwas mit seinem Reichtum zu tun haben konnte. Aber bald beschloss er, nicht genauer darüber nachzudenken und sich lieber noch ein bisschen intensiver seinem Gewinn zu widmen.

Was kann man aus dieser Geschichte, die sich genauso oder auch ein wenig anders zutragen könnte, lernen?

Wo das Geld regiert, korrumpiert es den Reichen wie den Armen. Unter kapitalistischen Verhältnissen nützt eine bloße Umschichtung des Vermögens gar nichts, so lange die gesellschaftlichen und damit individuellen Strukturen sich nicht verändern. Der Drang dessen, der zu Finanzmitteln kommt, diese für sein persönliches Wohl und nicht dasjenige der Gesellschaft einzusetzen, wird in den meisten Fällen siegen. Es ist sogar so, dass jemand, der von unten nach oben kommt, noch egoistischer handeln kann, als ein mit Reichtum vertrauter Unternehmer. Eine Vielzahl der Menschen im Kapitalismus ist mittlerweile so deformiert, dass sie in der kapitalistischen Be- und Verwertungslogik denkt, spricht und handelt. Ein Klassenkampf, der nicht den grundlegenden Umsturz der Verhältnisse bezweckt und ein Kampf im Kapitalismus bleibt, wird höchstens eines erreichen: den teilweisen Austausch der Eliten und die Teilhabe etwas breiterer Schichten am Wohlstand. Das aber auch nur so lange, wie die neuen Eliten noch nicht fest im Sattel sitzen. Die Geschichte der Machtverhältnisse im Kapitalismus zeigt, dass diejenigen, die in der kapitalistischen Logik erzogen wurden, wenn sie die Macht in Händen halten, genau jene Logik weiter propagieren und gesetzmäßig sogar noch verstärken. Dabei macht es keinen Unterschied, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie aufsteigen, auch wenn für heute klar ist, dass sich die gesellschaftlichen Eliten meist aus sich selbst rekrutieren.

Es ist unter heutigen Bedingungen weder auf das Wohlwollen der Mächtigen noch auf den Kollektivgeist der Unterdrückten viel Hoffnung zu setzen. Die Hackordnung umgeht man nicht. Sie ist in langen Jahren so Vielen in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie nicht von heute auf morgen verschwinden wird. Gerade im Klassenkampf muss dieser Fakt berücksichtigt werden. Ein Ausgebeuteter ist also nicht schon deshalb menschlich besser als ein Ausbeuter, weil er ein Ausgebeuteter ist. Entscheidend wirkt hier nur, welche charakterliche Ausprägung er erreicht. Es steht und fällt also alles mit dem Bewusstsein des Menschen. Marx hatte nicht unrecht mit seiner Forderung, dass die Arbeiterklasse erst einmal von einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich werden muss. Und diese Klasse für sich mit ihrer konsequenten inneren Solidarität muss auch nach der Umwälzung der Verhältnisse erhalten bleiben. Ist das nicht der Fall, werden nur frühere kapitalistische Zustände imitiert und in neuer Fassade manifestiert.
Hier schwingt die Grundfrage der Philosophie mit. Wenn aber das Sein das Bewusstsein bestimmt, so scheint heute nicht zwangsläufig eine kollektive Organisierung der Unterdrückten daraus zu folgen. Um über das Bewusstsein organisiertes Handeln zu erzeugen, müssen also die Vermittlung von Einsicht und Wissen und die charakterliche Schulung hinzutreten. Der Mensch aus sich heraus ist unter den herrschenden Verhältnissen in erster Linie ein Egoist. Nur durch seine Bildung und Ausbildung kann bei ihm grundsätzlich angelegtes solidarisches Denken wieder freigelegt werden. Diejenigen, bei denen diese Einsicht bereits gewachsen oder nach wie vor vorhanden ist, haben damit auch eine besondere Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Sie sind diejenigen, die umfassende Bewusstwerdungs- und Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Die Massen lassen sich heute nur für etwas begeistern, dass jedem von ihnen persönlich einen Vorteil bringt. Erst nach einer Umwälzung kann bei ihnen über die Neuordnung der Verhältnisse und die damit einhergehende Neuausrichtung von Kultur, Bildung und Erziehung ein neues Denken entstehen. So lange aber stehen diejenigen in der Pflicht, die das neue Denken bereits jetzt in sich tragen und die Kraft und Fähigkeiten dazu besitzen, es unter den gegebenen Bedingungen anzuwenden.

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