Das Kollektiv und die Freiheit des Einzelnen
Ein Hauptargument der bürgerlichen Ideologie ist ihr Verweis auf den kollektiven Charakter des Sozialismus, der alle Bedürfnisse des Einzelnen einer überindividuellen Identität unterordnen würde. Vor allen Dingen muß deshalb klar werden, daß wirkliche persönliche Individualität – gemeint als Gegensatz zu grenzenlosem egoistischem Individualismus, der auf bloßen Konsum orientiert – nur in einer sozialistischen Gesellschaft entstehen kann. Man muß Marx sowohl in seiner humanistischen Grundforderung zustimmen, „daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei“ als auch in seiner Forderung „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (vgl. hierzu Vom Sinn unseres Lebens, Berlin 1983, S. 145 f). Nur in einer Gesellschaft, in der diese Forderungen erfüllt sind, kann der Mensch zu einer wirklichen Persönlichkeit reifen. Hier kann er aktiv an der Gestaltung seiner Umwelt mitwirken und wertvolle geistige und materielle Güter der Menschheit nutzen und erweitern.
Otto Grothewohl sagte in diesem Zusammenhang: „Die Persönlichkeit verhält sich zur Person wie das Wesen zur Erscheinung, wie der Kern zur Schale. Die Person fragt: Was hast du – Titel, Rang, Equipage, Vermögen? Die Persönlichkeit fragt: Was bist du, was bewegt dich und was bewegst du, welchen zukunftsgestaltenden Kern trägst du in dir? Und hier gilt es, eine Lehre zu ziehen: Was der Mensch hat, das kann er verlieren, was er ist, das bleibt bestehen“ (ebd., S. 213).
Hier soll noch eine Definition nachgereicht werden: „Unter allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten verstehen wir gebildete, politisch bewußte, moralisch und charakterlich gefestigte Menschen, die imstande und bereit sind, den vielfältigen Anforderungen des gesellschaftlichen Lebens in der Arbeit, beim Lernen, in der politischen Tätigkeit sowie in der Freizeit und im Familienleben gerecht zu werden“ (ebd, S. 214).
Dabei weist jeder Mensch individuelle Fähigkeiten auf, die er an der entsprechenden Stelle einsetzen kann. Kennen lernt er sie und damit sich immer an der Erprobung in seiner Umwelt, anhand des Miteinanders mit seinen Mitmenschen. Das geschieht auch im Kapitalismus in kollektiven Strukturen, in sozialen Gruppen, deren Teil ein Mensch ist. Aber nur im Sozialismus in seiner idealen Form ist die Atmosphäre in diesen Kollektiven von Offenheit, Dialogbereitschaft, ehrlichem Meinungsaustausch und freundschaftlichen Beziehungen gekennzeichnet. Erst die einzelnen Meinungen setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Dabei besteht durchaus die Möglichkeit, daß der Einzelne klarer sieht, als die anderen. Er hat dann die Pflicht, seine Meinung auch zu vertreten. Genauso kann ein Einzelner irren und von anderen Mitgliedern des Kollektivs mittels logischer Argumente überzeugt werden. Das Ideal solch eines Kollektivs ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, wobei die Vorteile für alle auf der Hand liegen. Seine Verwirklichung bleibt eine Aufgabe für die Zukunft. Im Kapitalismus wird diese Art und Weise des Umgangs miteinander zum Beispiel mit der Bildung von „Teams“ in Unternehmen versucht. Sie kann nicht gelingen, weil die einzelnen Teammitglieder in erster Linie wirtschaftlichen Partikularinteressen verpflichtet sind und so das gesellschaftliche Ganze aus dem Blick verlieren müssen.