historische Definitionen mit aktuellem Bezug
sozialistische Nation
Durch die sozialistische Revolution und den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft gestaltet sie [die Arbeiterklasse; heute: die Einheitsfront der Unterdrückten, d. Verf.] die Existenzgrundlagen der Nation um, gibt ihr einen neuen Inhalt und schafft damit einen qualitativ höheren Typ der nationalen Gemeinschaft, die sozialistische Nation. Bei dieser Umgestaltung bleibt die ethnische Grundlage der Nation im wesentlichen erhalten (Sprache, Beziehung zum Territorium, spezifische Besonderheiten der Kultur und der Sozialpsyche, Sitten, Gebräuche, Lebensgewohnheiten), während sich die soziale Natur der Nation grundlegend verändert (ökonomische und politische Beziehungen, Sozialstruktur, Inhalt der Kultur und Ideologie). Die sozialistische Nation beruht auf der sozialistischen Produktionsweise. Sie kennt keine Klassenantagonismen, sondern ist durch eine wachsende politisch-moralische Einheit des Volkes gekennzeichnet […] Die sozialistische Nation gewinnt zugleich ein neues Verhältnis zu den anderen Nationen. Wenn für die Beziehungen zwischen den kapitalistischen Nationen Feindschaft, Streben nach Unterdrückung, Übervorteilung und Ausbeutung anderer Nationen charakteristisch sind, so werden die Beziehungen zwischen den sozialistischen Nationen durch die Prinzipien [der Völkerfreundschaft, d. Verf.] bestimmt. [...] Bürgerlich-kosmopolitische Vorstellungen von der Schaffung eines übernationalen „Weltstaates“ haben mit der [...] Theorie [...] nichts gemein. Sie spielen nur dem Imperialismus in die Hände und richten sich objektiv gegen die freie Entwicklung der sozialistischen Nationen und der national befreiten Staaten.
Nationalbewußtsein
Zusammenfassende Bezeichnung für die Inhalte des gesellschaftlichen Bewußtseins, welche die ‚Existenzbedingungen, die geschichtliche Entwicklung, die aktuelle Situation und die hieraus erwachsenden wesentlichen Aufgaben einer Nation vom Standpunkt einer bestimmten Klasse widerspiegeln. Das Nationalbewußtsein ist keine besondere Form des gesellschaftlichen Bewußtseins, sondern existiert im weltanschaulichen, politischen, moralischen und ästhetischen Bewußtsein und vermittels dieser Bewußtseinsformen. Da an die Existenz von Nationen gebunden, hat sich ein entwickeltes Nationalbewußtsein erst mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und der hierauf beruhenden kapitalistischen Nation herausgebildet, obwohl einzelne seiner Elemente bereits eine längere Geschichte besitzen. Das Nationalbewußtsein ist nicht klassenindifferent, es hat Klassencharakter, da es immer durch die Beziehungen einer bestimmten Klasse zur Nation und durch die Interessen dieser Klasse geprägt wird. Das Nationalbewußtsein äußert sich im allgemeinen in dem Bewußtsein, einer Nation zuzugehören, mit ihr verbunden zu sein, in der Bereitschaft und dem Willen, die Rechte und Interessen dieser Nation zu verteidigen und zu ihrer Entwicklung beizutragen, im Stolz auf die Leistungen und Errungenschaften der Nation, wobei die verschiedenen Klassen unterschiedliche Auffassungen hierüber besitzen.
nationale Frage
zusammenfassende Bezeichnung für den Komplex von Fragen des gesellschaftlichen Lebens, der die Entwicklungsbedingungen der Nation, die Rechte und die Beziehungen der Nationen zueinander sowie der nationalen Gruppen innerhalb eines multinationalen Staates umfaßt. Die nationale Frage entsteht mit der Herausbildung der Nation als Struktur- und Entwicklungsform der Gesellschaft, umfaßt solche Momente des gesellschaftlichen Lebens wie nationale Unabhängigkeit, Selbstbestimmung der Nationen, nationale Einheit, nationale Gleichberechtigung, Beseitigung nationaler Unterdrückung und nationaler Privilegien und wird in ihrem Inhalt jeweils durch die grundlegenden sozialen Prozesse der Epoche bestimmt. Die nationale Frage ist stets eine Klassenfrage. Sie steht im engsten Zusammenhang mit dem Kampf um die Lösung von Grundproblemen des gesellschaftlichen Fortschritts, so daß nationale Bewegungen immer mit den revolutionären Bewegungen ihrer Epoche verbunden sind […] In den imperialistischen Ländern selbst geraten die herrschenden Kreise des Monopolkapitals immer mehr in Gegensatz zur Nation und zu deren Interessen, so daß die Beseitigung der Herrschaft des Imperialismus zu einer wesentlichen Voraussetzung für die Lösung der nationalen Frage wird […] So ist die nationale Frage in unserer Epoche untrennbar mit dem Kampf gegen den Imperialismus und dem […] Übergang zum Sozialismus verbunden. Im Sozialismus ergeben sich völlig neue Probleme der Entwicklung der Nation. Ihr Hauptinhalt besteht darin, die nationalen Traditionen und Besonderheiten so zu nutzen, daß sie zu Triebkräften für die schnelle Entwicklung der Produktivkräfte und die Festigung der sozialistischen Produktionsverhältnisse werden. Auf diesem Wege und auf dem Wege der Gemeinsamkeit der Gesellschaftsordnung festigt sich die ökonomische, wissenschaftliche, technische und kulturelle Zusammenarbeit der sozialistischen Länder. [...]
Nationalisierung
Überführung von Produktionsmitteln (Betriebe, Grund und Boden usw.) aus dem Eigentum einzelner Personen und Körperschaften in staatliches Eigentum. Der Charakter der Nationalisierung hängt vom Wesen des jeweiligen Staates ab. Die Nationalisierung kann entschädigungslos oder gegen Entgelt erfolgen. Die kapitalistische Nationalisierung besteht in der Überführung privatkapitalistischer Unternehmen, z. T. auch ganzer Industriezweige, in das Eigentum des bürgerlichen Staates, meist gegen hohe finanzielle Abfindungen. Zumeist handelt es sich um unrentable, nicht mehr konkurrenzfähige Betriebe und Wirtschaftszweige. Vielfach werden diese Einrichtungen nach ihrer mit Staatsmitteln erfolgten Modernisierung zu niedrigen Preisen wieder an die Unternehmer zurückgegeben (Reprivatisierung), wodurch die Kapitalisten und ihre Vereinigungen an der Nationalisierung und auch an der Reprivatisierung profitieren. Auch militärisch-strategische Überlegungen können zur Nationalisierung führen. Im allgemeinen ist die Monopolbourgeoisie an großen Nationalisierungen nicht interessiert. Und betreibt immer wieder die Reprivatisierung. Durch die kapitalistische Nationalisierung wird die Ausbeutung der Werktätigen nicht beseitigt und der Charakter der kapitalistischen Ordnung insgesamt nicht angetastet. Dennoch kämpft die Arbeiterklasse für die Nationalisierung bestimmter Schlüsselindustrien und –unternehmen als eine Möglichkeit, z. B. über die Mitbestimmung der Arbeiter Schritte zur Einschränkung der Macht der Monopole einzuleiten. Die Mitbestimmung erfüllt jedoch nur dann ihre Aufgaben im Interesse der Arbeiterklasse, wenn sie die Zurückdrängung der Macht der Monopole und schließlich ihre Überwindung zum Ziel hat. Die Nationalisierung bietet auch günstige Voraussetzungen für die Schaffung des sozialistischen Eigentums, weil bereits ein hoher Grad der Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreicht ist und die Arbeiterklasse nach Beseitigung des kapitalistischen Staates diese Betriebe relativ leicht in Volkseigentum überführen kann.
Die Nationalisierung in den national befreiten Ländern erfaßt vorwiegend die Unternehmen des ausländischen Monopolkapitals und der mit ihm verflochtenen einheimischen Großbourgeoisie sowie teilweise auch die Ländereien der Feudalherren. Sie ist von großer Bedeutung für die Entwicklung einer unabhängigen Wirtschaft dieser Länder. Ihr Charakter wird wesentlich durch die sozialökonomische Entwicklungsrichtung dieser Staaten bestimmt.
Die sozialistische Nationalisierung ist die revolutionäre Beseitigung des Eigentums der Ausbeuterklasse an den wichtigsten Produktionsmitteln durch die sozialistische Staatsmacht und die Überführung der kapitalistischen Unternehmen in staatliches sozialistisches Eigentum (Volkseigentum). Sie beginnt mit der Übernahme der ökonomischen Schlüsselpositionen, wie der Grundstoff- und der Schwerindustrie, des Transport- und Nachrichtenwesens, der Banken und des Außenhandels. Mit der sozialistischen Nationalisierung wird die ökonomische Grundlage der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt.
Nationalkultur
Historische Entwicklungsform der Kultur in nationalen Gemeinschaften […] Die sozialistischen Nationalkulturen entstehen im Prozeß der sozialistischen Kulturrevolution. Historisch neuartige Momente der nationalkulturellen Entwicklung im Sozialismus sind: die Überwindung des Antagonismus der kulturellen Entwicklung durch die Beseitigung des Gegensatzes zwischen herrschender Kultur und Kultur der Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen; die aktive und bewußte Beziehung der kulturellen Entwicklung auf das Kulturerbe der eigenen Nation und der Leistungen der Weltkultur; die Prozesse der Annäherung und neuartiger Differenzierung im kulturellen Verhalten der sozialen Klassen und Schichten im Sozialismus […] Die Umwandlung der bürgerlichen Nationalkultur in eine sozialistische Nationalkultur ist Bestandteil der Konstituierung der sozialistischen Nation. In Wechselbeziehung mit den sozialökonomischen und politischen Verhältnissen entwickelt sich die nationale Psyche und Mentalität weiter, fördert das Nationalbewußtsein und überwindet zählebige Traditionen des bürgerlichen Nationalismus und Egoismus. Mit der Ausprägung sozialistischer Lebensweise, der Veränderung von Denk- und Verhaltensweisen, Sitten und Lebensgewohnheiten, Idealen und Wertvorstellungen erhält das Ethos eine neue Sinn- und Inhaltserfüllung. [...] Der politische und soziale Inhalt des Patriotismus und der sozialistischen deutschen Nationalkultur bezieht sich auf historischen Platz und revolutionäre Aufgaben, auf Geschichte und Errungenschaften des Landes und des Staates […] und ist zugleich Ausdruck der unantastbaren Souveränität und territorialen Integrität des Heimatlandes […] Die Kultur verleiht den Angehörigen der sozialistischen Nationen ein lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, sie schafft ein Bewußtsein der nationalen Identität, das frei ist von nationaler Überheblichkeit und Vorurteilen gegenüber anderen Völkern und Nationen. Die Entwicklung der sozialistischen deutschen Nationalkultur hat wesentlichen Anteil an der Festigung der kulturellen Identität ihrer Bürger. Das schließt die Entdeckung und Wahrung der historischen und kulturellen Traditionen der Nation, die Entwicklung der nationalen Identität und Psyche auf neuen sozialökonomischen Grundlagen, die Möglichkeit der Ausbildung eines sozial einheitlichen Nationalcharakters, die Pflege der Nationalsprache und der nationalen Künste ein. Zur Entwicklung kultureller Identität und zur Förderung nationalen Selbstbewußtseins in Gegenwart und Zukunft gehört die Fähigkeit, die wissenschaftlich-technische Revolution zu meistern, ihre Ergebnisse für die Erhöhung des Lebensniveaus und der Persönlichkeitsentwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft einzusetzen. Das betrifft sowohl die Ergebnisse der nationalen Forschung, Entwicklung und Produktion wie die durch internationalen Austausch und weltweite Kommunikation ins Land gelangenden Produkte „fremder Klimate und Länder“. Nationalbewußtsein und Heimatverbundenheit können wirksam gefördert werden, indem die soziale und emotionale Bindung der Menschen an die heimatliche Landschaft, an die Region, in der sie leben, in die nationalkulturelle Entwicklung einbezogen werden. Neben den nationalen Traditionen kommt der Ausbildung regionaler Besonderheiten, der Beachtung und Nutzung regionaler Unterschiede in Umwelt und Lebensweise wie auch den regionalen Besonderheiten in der Mentalität und Psyche der Bevölkerung besondere Bedeutung zu. Regionale Bezüge in den kulturellen Angeboten, die geschichtliche und natürliche Spezifika der jeweiligen Stadt, des Dorfs, der Landschaft berücksichtigen, haben sich bewährt und sind weiter auszubauen, um die Vielfalt, Farbigkeit und Volksverbundenheit der sozialistischen Nationalkultur kräftig zu entfalten.
Nationalreichtum
Gesamtheit der materiellen und geistigen Güter, über die eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügt. Der Nationalreichtum ist, in Abhängigkeit von den Produktionsverhältnissen, Eigentum der gesamten Gesellschaft oder einzelner Klassen, Gruppen oder Personen. Der Nationalreichtum spiegelt die Ergebnisse der gesamten vorhergehenden Entwicklung der Gesellschaft wider. Zum Nationalreichtum gehören das Volksvermögen (d. h. alle materiellen Güter, die durch die Arbeit des Menschen geschaffen wurden), alle erschließbaren natürlichen Ressourcen (Bodenschätze, Wälder, Wasserkräfte, bearbeitete und zur Bearbeitung geeignete Böden usw.), im weiteren Sinne auch die Produktionserfahrungen, die Kenntnisse und die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und die Werke der Kunst. Im Gegensatz zum Kapitalismus, in dem der überwiegende Teil des Nationalreichtums den Ausbeuterklassen gehört, ist im Sozialismus das Privateigentum an den Produktionsmitteln beseitigt, der Nationalreichtum gehört dem werktätigen Volk.
Vgl. Kleines Politisches Wörterbuch, Berlin 1988