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Neuer Nationenbegriff: Entstehung, Herrschaftsfrage und die Rolle der sozialistischen Nation

April 23, 2007 dsnation Kommentieren

Eine zentrale Frage der Entwicklung des Zusammenlebens der Menschen in Nationen ist die der Herrschaft. Sie ist verbunden mit der nach der Freiheit und Unfreiheit in diesen Bezügen. Auch für die sozialistische Nation stellen sich diese Fragen. Um sie zu beantworten, muß man sich die Entwicklung des modernen Nationenbegriffs vergegenwärtigen.
Hier soll zunächst Rousseau zu Wort kommen: Es geht keineswegs um die Annahme eines, wie auch immer gearteten autoritären und von oben gesetzten Herrschaftsvertrages, sondern allein um die gemeinsame Einigung aller fortschrittlichen Kräfte auf einen Gesellschaftsvertrag. Er definiert ihn wie folgt: „Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des Allgemeinwillens, und wir nehmen jedes Mitglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.“
Der Allgemeinwillen wird von allen Einzelstimmen gebildet. Jeder Einzelne bleibt, obwohl mit allen anderen verbunden, stets nur seinem Gewissen verpflichtet.
Man kann marxistisch-leninistisch ergänzen: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.“
Um dieser Aussage zustimmen zu können, muß man akzeptieren, daß der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, eine gesicherte Erkenntnis der Soziologie. Er kann sich und seine Fähigkeiten nur im gegenseitigen Miteinander entwickeln. Nur in einer Gesellschaft, die Verbindliches für alle vorgibt, kann seine etwa physische und standesmäßige Ungleichheit durch Sitte und Moral, durch einen Grundstock an Gesetzen, durch eine Gleichheit aller ersetzt werden.
Hier setzt die Bildung der modernen Nation an. Der Begriff selbst und seine inhaltliche Bestimmung entwickelten sich in neuer Form vom 18. bis 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Abstufungen. Für zukünftige Entwicklungen kann unter anderem John Stuart Mill herangezogen werden. „… Man kann sagen, eine Gruppe von Menschen konstituiere eine Nation, wenn diese Menschen untereinander durch gegenseitige Sympathien verbunden sind, die zwischen ihnen und irgendwelchen anderen nicht bestehen; aus diesem Gefühl heraus nämlich sind sie eher zur Kooperation untereinander bereit als mit anderen. Und wünschen sich eine gemeinsame Regierung – und zwar eine Regierung, die ausschließlich durch sie selbst oder aber durch einen Teil von ihnen gebildet wird.“
Verhandelbar ist die Frage, wodurch diese Sympathien entstehen.
Mit Ernest Renan läßt sich fortsetzen: „Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft… Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem faßt sie sich in der Gegenwart in einem greifbaren Faktum zusammen: der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenem Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Das Dasein einer Nation ist… ein tägliches Plebiszit…“
Stalin verbindet Marxismus und nationale Frage. Trotz aller etwaigen Ressentiments gegen seine Person – er äußert sich klarsichtig: „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“

Die Definition, die für heute wirklich handlungsleitend sein kann, entstammt der DDR: „Im gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß haben sich zwei grundlegende Typen von Nationen herausgebildet: die kapitalistische und die sozialistische Nation. Die kapitalistische Nation ist eine Entwicklungsform der kapitalistischen Gesellschaft. Ihre ökonomische Grundlage ist die kapitalistische Produktionsweise, daher ist sie in antagonistische Klassen gespalten und wird durch Klassenkämpfe und soziale Konflikte geprägt. Ihre führende Kraft ist die Bourgeoisie… Im Stadium des Niedergangs des Kapitalismus, im Imperialismus entsteht jedoch ein immer tiefer werdender Konflikt zwischen den Interessen der Nation und denen der herrschenden Monopolkapitalisten… Die weitere Entwicklung der Nation ist untrennbar mit dem revolutionären Kampf der Arbeiterklasse um die Beseitigung des Imperialismus und die Errichtung des Sozialismus verbunden. Die Arbeiterklasse vertritt die wahren Interessen der Nation… Durch die sozialistische Revolution und den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft gestaltet sie die Existenzgrundlagen der Nation um, gibt ihr einen neuen Inhalt und schafft damit einen qualitativ höheren Typ der nationalen Gemeinschaft, die sozialistische Nation… Die sozialistische Nation gewinnt zugleich ein neues Verhältnis zu den anderen Nationen. Wenn für die Beziehungen zwischen den kapitalistischen Nationen Feindschaft, Streben nach Unterdrückung, Übervorteilung und Ausbeutung anderer Nationen charakteristisch sind, so werden die Beziehungen zwischen den sozialistischen Nationen durch die Prinzipien des proletarischen Internationalismus bestimmt. Die sozialistische Nation und die nationalen Beziehungen im Sozialismus sind durch die Wechselwirkung nationaler und internationaler Züge charakterisiert. Dabei wächst das spezifische Gewicht des Internationalen mit der weiteren Entwicklung des reifem Sozialismus und seiner allmählichem Übergang zum Kommunismus. Im Ergebnis dieses Prozesses entsteht eine internationale Gemeinschaft gleichberechtigter sozialistischer Nationen.“

Diesen Entwicklungsstand sollten wir erst einmal erreichen. Die Entwicklung dahin erscheint auf der Grundlage von Marx, Engels und Lenin gesetzmäßig, bedarf aber des Einsatzes aller fortschrittlichen Kräfte, im nationalen Rahmen wie im internationalen.
Das einende Ziel des Kommunismus kann letztlich das Verschmelzen der Nationen ermöglichen. Zuvor müssen sie sich jedoch sozialistisch ausgebildet, als sozialistische Nationen konstituiert haben.
Jeder Meter, den der Sozialismus an Boden gewinnt, wirft die Reaktion zurück. Jedes Terrain, das wir erobern und zurückerobern, bereitet den Boden für eine lebenswerte Zukunft. Bei aller unterschiedlichen Auffassung zu den Begriffen von Sozialismus und Nation sollten wir uns auf Eines einigen: nach den Erfahrungen des Kampfes der Arbeiterklasse und ihrer wissenschaftlichen Lehre ist nur eine sozialistische Nation fähig, die Zukunft der Menschen positiv zu gestalten. Ihre Gründung ist die unabdingbare Voraussetzung für einen Übergang zum Kommunismus.