Alain de Benoist: Totalitarismus
Der Autor des vorliegenden Buches, Alain de Benoist, gilt im allgemeinen als Vordenker der „Neuen Rechten“ in Frankreich, die dort vergleichsweise umfangreiche Publikationstätigkeiten entwickelt und in die politische Landschaft der öffentlichen Meinung integriert ist. Seit einiger Zeit strömen auch nach Deutschland Ideen dieser Richtung ein. Oft unkonventionell und „liebgewonnene“ Ansichten in Frage stellend, bringen die seit einiger Zeit auch hier zu lesenden Veröffentlichungen etwas Schwung in die so oft festgefahrene Schwarz-Weiß-Diskussion. Dazu gehört auch jenes Buch, um das es hier geht.
Sein vollständiger Titel lautet: „Totalitarismus. Kommunismus und Nationalsozialismus – die andere Moderne. 1917 – 1989“. Damit wird klarer, worum es de Benoist geht. Um einen vielfach für unzulässig erklärten Vergleich der beiden Systeme der Extreme im 20. Jahrhundert. Anlaß für diese Publikation war offensichtlich das Erscheinen des von Stéphane Courtois 1997 herausgegebenen „Schwarzbuch des Kommunismus“, das, wie Zahlen das so schön können, die Opferzahl des stalinistischen Systems im Inland höher ansiedelt als die Toten, die auf das Konto der Nationalsozialisten gehen. De Benoist verfällt nun nicht vordergründig der bekannten Strategie, deshalb den Stalinismus als wesentlich schlimmer als den Hitlerismus zu bezeichnen, er versucht vielmehr, seinen Standpunkt mittels einer Art wissenschaftlicher Objektivität zu kaschieren. Dafür benutzt er als Konstante den Begriff Kommunismus für eine Gesamtheit der einschlägigen Ideen und Taten, meint aber in seiner Beispielführung fast ausschließlich die Zeit der Stalinschen Herrschaft in der Sowjetunion. Dies geschieht, ohne zu reflektieren, daß hier ein Extremum der sowjetischen Entwicklung vorlag, daß durchaus einen eigenen Namen, nämlich den des Stalinismus verdient und eben nicht als Kommunismus per se bezeichnet werden sollte. Die quasi kommunistischen Entwicklungen in Südamerika und die Wege der Staaten des Ostblocks nach 1945 passen nur schlecht in dieses enge Denkraster. Das gilt selbst dann, wenn klar wird, daß eben jene Staaten zu einem erheblichen Teil von der Gnade der Sowjetunion abhängig waren. Allerdings muß zugegeben werden: Entartungen wie in Rumänien unter Ceaucescu und die Terrorbanden der Roten Khmer gehören zum negativen Kommunismusbild. Dazu kommt, daß eigene Gehversuche wie zu Anfang der DDR und deutlich in der CSSR, Ungarn und fast verwirklicht in Jugoslawien von der Sowjetunion bekämpft wurden.
Ebenso fährt de Benoist unter falscher Flagge, wenn er vom Nationalsozialismus als dem Übeltäter par excellence spricht. Dieser Begriff wurde ja gerade geprägt, um die wirklichen Absichten der Führung zu verschleiern und die beschlossenen Maßnahmen dem Volk schmackhafter zu machen. Hitlers Rassenideologie und Antisemitismus waren weder national noch sozialistisch, schon gar nicht war es der Krieg, der eine Weltherrschaft aufgrund von Auslesekriterien errichten sollte und viel wenn nicht alles mit dem herrschenden Kampf um Rohstoffquellen und Märkte und die Neuordnung der Welt zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun hatte. Wie de Benoist selbst erkennt, gab es die EINE nationalsozialistische Ideologie gar nicht, sondern eine Konkurrenz der unterschiedlichen Strömungen, unter denen sich der Hitlerismus mit seiner sozialdarwinistischen Komponente durchsetzte. Es wäre daher für das Verständnis besser, meint man die Auswirkungen des Dritten Reiches, diesen Begriff zu verwenden.
De Benoist widmet sich der Behandlung des Themas anhand von Reflexionen zu einzelnen Aspekten und beleuchtet in 25 Kapiteln die unterschiedlichen Seiten der Systeme anhand seines Verständnisses von Totalitarismus. Er bezieht sich dabei besonders auf Hanna Arendt und Francois Furet.
Der Unterschied zwischen möglichst objektiver Betrachtung der Vergangenheit durch die Geschichtswissenschaft und der teils verordneten Erinnerung ist für ihn offensichtlich. Davon leitet er offizielle Geschichtsbilder und heutiges Verständnis ab.
Fragwürdig und zum Nachdenken anregend stimmt es, wenn de Benoist in Richtung stalinistischer Verbrechen behauptet: „Ein Laster ist noch weniger entschuldbar, wenn es von Tugendlehrern ausgeübt wird, denn diese sind noch mehr als andere gehalten, ihre Grundsätze zu befolgen.“ Das würde ganz banal bedeuten: weil Hitler vorher gesagt hat, ich bringe die Juden um, kommt er in der objektiven Beurteilung besser weg. Wobei de Benoist fairererweise anführt, daß gerade Marx als erster die „Moral der Intention“ nicht anerkannte. Das Handeln von Stalin war also im eigentlichen Sinne unmarxistisch.
Weiterhin werden der Weg zur klassenlosen Gesellschaft und der Weg zur reinen Rasse gleichgesetzt. Beide hätten die Ausschaltung, also Vernichtung des Teils der Menschheit zum Gegenstand, der der Verwirklichung dieser Absichten im Wege steht. Abgesehen von der Praxis der Durchführung kann das schon logisch nicht stimmen, bleibt man in der Diktion von Kommunismus und Nationalsozialismus: eine Klasse kann man verlassen, eine Rasse nicht. Man konnte also als Grundbesitzer zum Kommunisten werden, als Jude aber nicht zum Arier. Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Die tatsächliche Ausübung von Gewalt ist nach Faktenlage im Hitlerismus und im Stalinismus dennoch vergleichbar, nicht nur das sei de Benoist zugestanden.
Allerdings verfällt er wieder in ein bestimmtes Schema, wenn er anführt, daß der Nationalsozialismus nur in Deutschland die Rassenreinheit herstellen, und damit einen Teil der dort lebenden Menschen vernichten wollte. Der Kommunismus habe schließlich die ganze Welt von den Klassenfeinden säubern wollen, mit vergleichbarer Strategie. Das ist allerdings sichtlich verquer. Das NS-Regime wollte eine weltweite arische Rasse installieren, für die alle anderen nur Arbeitssklaven sein würden, mit allen vernichtenden Auswirkungen. Der Kommunismus hatte die Abschaffung der Ausbeutung im Visier, und hier kam es ganz darauf an, wer die praktischen Leitlinien des Handelns bestimmte. Sicher: im Falle Stalins waren die Ergebnisse denen Hitlers vergleichbar.
Interessant ist, woran de Benoist die Attraktivität der beiden Richtungen festmacht: Er schreibt: „In einer ersten Annäherung könnte die Antwort darin liegen, daß diese Systeme, sofern sie nach dem Absoluten streben, auch zu absoluten Verhaltensweisen anspornen, im Schlimmsten wie im Besten. Daß ein und dasselbe System sowohl kriminell sein als auch zu bewundernswertem Verhalten anregen kann, kann nur Naivlinge oder Voreingenommene vor den Kopf stoßen.“
Was tatsächlich klar gesehen werden muß, ist die Tatsache, daß der als Nationalsozialismus verkleidete Hitlerismus im Inland weniger wirkliche Nationalsozialisten getötet hat als der als Kommunismus verkleidete Stalinismus wirkliche Kommunisten. Stalins Paranoia erzeugte die stetige Vorstellung des Komplotts, die eine umfangreiche Überwachung und Denunziation nach sich zog. Das war im Dritten Reich ähnlich, wahrscheinlich bezog man sich aber hier mehr auf die offensichtlich Neutralen oder Gegner. Derartige Säuberungswellen wie unter Stalin sind aber nicht bekannt.
Gefolgt werden kann de Benoist auch in seiner Meinung, daß die „nationalsozialistischen“ Verbrechen nicht einzigartig und einmalig in der Weltgeschichte stehen: „Die zum Verüben eines Verbrechens angewandten Mittel können zwar noch nie dagewesen sein, sie machen aber dieses Verbrechen deshalb nicht ,einzigartig’. Der kriminelle Charakter einer Tat ergibt sich aus dem Wesen dieser Tat, und nicht aus den Mitteln, die zu ihrer Ausführung benutzt werden. Jedes Ereignis fügt sich in einen Zusammenhang ein und kann daher mit einem anderen in Beziehung gebracht werden. Jedes Ereignis ist zugleich einmalig und universal, überaus einzigartig und überaus vergleichbar.“
Es stimmt außerdem, daß heutzutage Nationalismus in der öffentlichen Meinung immer schon nach Faschismus riecht, der als gleichbedeutend mit dem Nationalsozialismus gedacht wird. Aber nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gilt auch das Umgekehrte, trotz der anderen Meinung von de Benoist: auch Sozialismus wird heute von der herrschenden Klasse gern in die potentielle Nähe des Stalinismus gerückt.
Die teils unterschiedliche Beurteilung von „Nationalsozialismus“ und „Kommunismus“ hat nach de Benoist mit dem Bonus zu tun, daß Stalin auf der Seite der Alliierten den Krieg gegen Hitlerdeutschland gewann. Er führt das im Weiteren aus, verkennt aber völlig die Tatsache, daß fast augenblicklich nach Ende des 2. Weltkrieges die Sowjetunion zum Feindbild Nummer eins der Alliierten wurde und es bis zu ihrem Zerfall blieb. Hier soll dazu die These gewagt werden, daß die Wehrmacht für die späteren Alliierten wunderbar geeignet schien, die „Dreckarbeit“ zu erledigen, und als sie an der Aufgabe der Vernichtung der Sowjetunion scheiterte, nun ihrerseits, und zwar von allen Seiten, bekämpft wurde. Das alliierte Bündnis mit Stalin war also ein reines Zweckbündnis, das nach Zielerreichung sofort zerfiel. Nur im Ostblock kann der Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht und der daraus resultierende verordnete Antifaschismus als Erklärungsmuster dienen.
Was möglich ist: die Kriegsereignisse, insbesondere der Kampf um Stalingrad, deckten die Ereignisse in den Gulags praktisch zu, die kämpferischen und politischen Taten der SU überlagerten sich in der Öffentlichkeit.
Allerdings führte die geistige Ableitung in den Köpfen vieler Kommunisten: SU leitet den kommunistischen Kampf gegen den Faschismus, also arbeitet Kritik an der SU dem Faschismus in die Hände, zu vielen Fehlentwicklungen, die auch und gerade nach Ende des Krieges Raum griffen. So ist es bis heute in der Linken tatsächlich so, daß Kritiker auch aus den eigenen Reihen stetig mit dem Faschismusvorwurf konfrontiert werden.
De Benoist findet allerdings im Weiteren auch keine eindeutige Definition von Faschismus, schließt sich mithin der in seinen Augen gängigsten an, nach der „Faschismus als allgemeine Kategorie ein Mischsystem darstellt, das einen vom Materialismus gereinigten Sozialismus mit einem jakobinischen (zentralistischen) Nationalismus verbindet – das Ganze vor dem Hintergrund der Krise des Mittelstands, der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und des explosionsartigen Fortschreitens der Moderne“.
Nach ihm ist der Nationalsozialismus übrigens kein Faschismus wie auch der Sozialismus kein Kommunismus ist, mit unterschiedlichen Auswirkungen auf ihre Betrachtung.
In diesem Zusammenhang taucht dann endlich und erstmals ein Definitionsversuch des Begriffs auf, der dem Buch den Titel gab: Totalitarismus. Für de Benoist greifen die herkömmlichen Erklärungsversuche zu kurz. Er räumt natürlich die statischen Elemente ein: „Kult eines aus dem Volk stammenden obersten Chefs; Einheitspartei, die das gesamte gesellschaftliche Leben unter ihre Kontrolle bringt; eine Ideologie, die der Diskussion entzogen und zur Staatswahrheit erhoben wird; Mobilisierung der Massen, die das Privatleben nicht ausspart; allgemeiner Terror gegen die ,Volksfeinde’; uneingeschränktes Informationsmonopol; Absorption sämtlicher Einrichtungen und des Rechts usw.“ Entstehung und Entwicklung würden damit aber nicht erklärt. Inspiration und Zielsetzung seien für totalitäre Systeme maßgebend. Dafür sei eine sich entwickelnde geistige Haltung notwendig: „eine manichäische und messiansiche Vision ,religiöser’ Art“ und ein „extremer Voluntarismus, der mit einer uneingeschränkten Zustimmuung zu den Werten der Moderne einhergeht“, sich im übrigen aus den Ideen der Französischen Revolution speist. Wesen und Prinzip des Staates würden in eins fallen. Wichtig seien eine dualistische Weltanschauung mit klaren Freund- und Feindbildern, das Vorbereiten einer neuen Ära und der grenzenlose Wille, eine neue Ordnung zu errichten, die als ewig angesehen werden soll. Dabei solle ein totaler Bruch mit dem Althergebrachten erfolgen. Determinismus und Moralismus seien Grundkonstanten solcher Gesellschaften. Der Kampf gelte als wichtiges Prinzip. Menschliche Vielfalt solle in einem Einheitsprinzip aufgelöst werden.
Wie kommt es aber nun zu totalitären Gesellschaften? De Benoist antwortet hierauf mit Hanna Arendt. Sie sah „eine klare Verbindung zwischen der Atomisierung des Menschen, verursacht durch den zunehmenden Einfluß des egalitären Individualismus, und der totalitären Erscheinung. Für sie war der Totalitarismus eine Antwort auf die ,Entzauberung der Welt’, auf die Auflösung der Zwischenkörperschaften, auf den kulturellen und sozialen Zerfall der modernen Industriegesellschaften, in denen die Beschleunigung der Entwicklung jene Lebensweisen zerstörte, die mit den organischen Primär-Gruppen (Familien, Dorfgemeinschaften usw.) zusammenhingen. Ihrer Ansicht nach stand sein plötzliches Auftauchen im Zusammenhang mit dem Erstarken entwurzelter Massen (mob), die der Untergang der traditionellen Gemeinschaften, Vereinigungen und Stände formbarer und verwundbarer denn je gemacht hat“. Eine Anmerkung sei erlaubt: Befinden wir uns heute in einer anderen Situation als damals?
Interessant ist de Benoists Gedanke, daß sich die totalitäre Gesamtgesellschaft mit der Macht deckt, die sie legitimiert. Damit wird diese Form der Herrschaft zu einer Herrschaft aller über jeden. Das Zusammenfallen des Politischen mit dem Sozialen würde ersteres zum Verschwinden bringen, da es keinen Raum der bloßen Arbeitsteilung und Bedürfnisbefriedigung mehr geben würde.
Der Totalitarismus, so schreibt er, hangelt sich immer an seinem Gegner entlang, der stets scharf gezeichnet wird. Fällt dieser Gegner weg, muß aus den eigenen Reihen ein neuer beschafft werden. Stetiger Bürgerkrieg und die Säuberung als Verwaltungsmaßnahme werden zu Kennzeichen. Das alles geschieht unter den Vorzeichen der Moderne und der Formbarkeit der Welt durch den Menschen. Hier greifen also die modernen Wirtschaftsroutinen, Massenkonsum, Rationalisierung der Produktion, Vorrangstellung der Technik, Massentourismus, Autoverkehr und die Entwicklung der Großstädte. Adorno und Horkheimer als wichtigste Vertreter der Frankfurter Schule behaupten sogar, daß der Nationalsozialismus ohne den Rationalismus der Aufklärung, den er zu bekämpfen vorgab, nicht möglich gewesen wäre. Der praktische Ursprung liegt, wieder nach de Benoist, aber in der Französischen Revolution, die ganz ausdrücklich Rettung der Welt und Vernichtung eines Teils von ihr zusammenbrachte. Das war verbunden mit der Beseitigung vermittelnder Instanzen und der Setzung einer allumfassenden Zentralmacht. Sollte dieses Vorgehen allerdings totalitär sein, so gilt es nicht nur für „Nationalsozialismus“ und „Kommunismus“, sondern auch für eine weitere Spielart der Moderne: die aktuelle.
Auch die liberale Demokratie beruft sich auf die Aufklärung und die Französische Revolution, konstatiert de Benoist. Ist sie deshalb eine Variation des Totalitarismus?
Nun, ihre Leitlinien, sind Vernunft und Nützlichkeit. Aber was passiert wohl mit jenen, die nicht vernünftig und nicht nützlich im technischen Sinne sind?
Totalitarismus kann heutzutage ebensogut durch Überredung und Konditionierung erzeugt werden. Und das wird er, wie dargelegt wird. Anzeichen sind: „ein im Grunde prometheisches Wesen wissenschaftlicher Betätigung, Automatisierung der Technik (,alles, was technisch machbar ist, wird es auch praktisch sein’), Beschleunigung der industriellen Konzentration und Bildung von Monopolen, Vereinheitlichung des Lebenswandels und zunehmend konformistische Ausrichtung des Denkens, soziale Anomie, die sich aus der widersinnigen Verbindung von Individualismus und Massenanonymität ergibt, Ausbreitung der ,kulturellen Willkür’, die die Sozialisierung der Menschen über die Medien mit sich bringt.“
Das Eintreten für Menschenrechte ist in liberalen Demokratien mit kriegerischen Auseinandersetzungen verbunden, die diejenigen bekämpft, die dann wohl praktisch nicht zu den Menschen zählen. Ihre Normen im Namen der Vernunft und der Rationalität setzen sie absolut, und das weltweit. Für eine Pluralität der Werte sind sie nur auf dem Papier. De Benoist erkennt: „Mit anderen Methoden behaupten heute der Markt, die Technik und die Kommunikation, was die Staaten, die Ideologien und die Armeen gestern behaupteten: die Legitimität der vollständigen Weltherrschaft“. Der Mensch wird zum Objekt, zum bloßen Warensklaven und nur nach seinem kommerziellen Nutzen bewertet. Die neue Politik heißt Ökonomie. Der öffentliche Raum wird allmählich ,privatisiert’ und so für den einzelnen unübersehbar. Die Zensur durch den Markt ist allgegenwärtig. Werbung löste Propaganda ab. Geschmäcker, Gefühle und Sitten werden standardisiert. Konsum strukturiert soziales Verhalten immer gleichförmiger. Wirkliche Eigenständigkeit verschwindet allmählich. Die vorhandenen politischen Parteien bilden im Grunde eine neue Einheitspartei, die sich in ihren Spielarten nur noch durch Gesinnungstendenzen unterscheidet. Die Richtungen unterscheiden sich nicht mehr durch unterschiedliche Standpunkte, sondern nur noch durch die Wahl der einzusetzenden Mittel.
Den historischen Totalitarismen spricht de Benoist positive Wirkungen übrigens nicht ab. Anderenfalls seien die zu beobachtenden Nostalgien nicht verständlich. Gutes und Böses wirkte in ihnen zusammen. Er zitiert Solschenizyn, der dazu äußerte: „Die Trennungslinie zwischen Gut und Böse geht durch das Herz jedes Menschen“. Niemals sei das Böse ganz auf der einen und das Böse ganz auf der anderen Seite zu finden.
Anschließend behandelt er die Frage, ob ein anderer „Kommunismus“ und auch ein anderer „Nationalsozialismus“ möglich gewesen wären. Ihm geht es hier um den Zusammenhang von Theorie und Praxis. Deutlich kommt er zu dem Schluß, daß nicht die Ideen durch ihren Mißbrauch diskreditiert werden, sondern die Taten, die in ihrem Namen begangen werden. Für ihn wird zum Beispiel deutlich, daß diejenigen, die den zeitweiligen Terror in der Sowjetunion zu verantworten haben und sich mit dem Namen von Karl Marx schmückten, alles waren, nur keine Marxisten. De Benoist stellt fest: „Keine Doktrin kann ausschließlich an den Taten derjenigen gemessen werden, die sich auf sie berufen haben. Umgekehrt: Kein im Namen einer Idee begangenes Verbrechen wird jemals genügen können, um diese Idee völlig zu diskreditieren.“
Dennoch bleibt die Behauptung von Nicolas Werth im Raume stehen, daß „der Nationalsozialismus die völlige Entsprechung von Doktrin und Realität ist“, während „der Kommunismus das Auseinanderfallen von Doktrin und Realität darstellt“. Eine befriedigende Erwiderung hierauf findet de Benoist nicht.
Abschließend resümiert er: „Die modernen Totalitarismen waren Produkte einer Moderne, die nunmehr selber abgeschlossen ist. Die 1917 eingeläutete Ära kam 1989 zu ihrem Abschluß. Die Postmoderne läßt eine Problematik hervortreten, die mit dem, was ihr vorangegangen ist, nichts gemein hat.“
Bei allem Respekt: hier irrt de Benoist. Die Frage stellt sich allerdings, ob uns alte Formen und Inhalte und ständige Blicke zurück für die Zukunft Rat erteilen können. Wenn, dann nur insofern, weiterzudenken und uns endlich den Problemen der Gegenwart zu stellen.