Erkenntnisse der Zwillingsforschung
INTELLIGENZ:
„Ob der menschliche Intellekt angeboren ist oder durch äußere Einflüsse bestimmt wird, war lange eine der kontroversesten Fragen der Forschung. Inzwischen gilt es als gesichert, dass in modernen industrialisierten Gesellschaften etwa 75 Prozent der Intelligenz durch genetische Faktoren bestimmt werden. Dass ein Charakterzug stark erblich bedingt ist, bedeutet allerdings nicht, dass die Umwelt keine Rolle mehr spielt. Sogar bei einer sehr stark von den Genen bestimmten Eigenschaft wie der Körpergröße können äußere Umstände wie gute oder schlechte Ernährung einen erheblichen Unterschied ausmachen … Ein interessantes Ergebnis der Zwillingsforschung ist, dass der erbliche einfluss auf die Intelligenz im Laufe des Lebens zunimmt: In der frühen Kindheit spielt die genetische Ausstattung noch keine sehr große Rolle für die Intelligenz. Wenn das Kind aber zum Jugendlichen und zum Erwachsenen heranwächst, wirken sich die Gene nach und nach immer stärker aus.“
Es ist also durchaus von Interesse, welche Vorfahren wir haben und wo und wie wir aufwachsen. Das kann einige Überlegungen nach sich ziehen.
RISIKOFREUDE:
„Viele Experten halten diesen Charakterzug für einen der bestimmenden Faktoren des menschlichen Verhaltens. Unter anderem wird auch die Anfälligkeit für Sucht damit in Verbindung gebracht. Risikofreude setzt sich aus mehreren Merkmalen zusammen, die gemeinsam beeinflussen, wie stark der Charakterzug bei einem Menschen ausgeprägt ist. Dazu gehört die Faszination für Neues, für Nervenkitzel und Abenteuer ebenso wie die Empfänglichkeit für Langeweile und Enthemmung.“
Gut möglich ist ein ähnlicher Effekt wie bei der Intelligenz: „Je älter die Menschen, desto größer der genetische Effekt auf die Risikofreude“.
Risikofreude kann auch mit Mut und Kampfgeist zusammenhängen. Das würde bedeuten, dass die Grundlagen dafür besonders im frühen Alter durch Erziehung gelegt werden können.
RELIGIOSITÄT:
Studien mit erwachsenen Teilnehmern haben zunächst ergeben, dass es sich bei Religiosität um einen Teil der Persönlichkeit handelt, den man abgetrennt von den klassischen Persönlichkeitsmerkmalen wie etwa Risikofreude betrachten muss.“
Der Einfluss der Gene auf die Religiosität „bewegt sich im gleichen Bereich wie bei klassischen Charakterzügen … Die Konfession hängt fast vollständig vom familiären Umfeld und der Sozialisation ab.“
Allerdings: „Wer genetisch sehr religiös veranlagt ist, entscheidet sich bei freier Wahl wahrscheinlich für eine strenggläubige Konfession“.
Grundsätzlich ist bei jedem Menschen Religiosität genetisch veranlagt und somit ein Bedürfnis. Das zu ignorieren bedeutet, einen Teil des menschlichen Wesens zu unterdrücken.
AGGRESSIVITÄT:
„Man muss nur in die Zeitung schauen, um zu erkennen, dass Aggressivität einer der grundlegenden Charakterzüge des Menschen ist. Weil Psychologen das aber ungern laut sagen, haben sie das gegenteilige Merkmal untersucht: Gutmütigkeit. Und sie stellten fest: 41 Prozent der unterschiedlichen Ausprägungen von Gutmütigkeit sind genetisch bedingt.“
Offenbar scheut sich die Gesellschaft, den Realitäten ins Auge zu sehen. Dabei kommt es nur darauf an, die menschliche Aggressivität zu kanalisieren und zu nutzen, nicht aber darauf, sie wegzudiskutieren.
HUMOR:
„Humor zu haben ist ein wichtiges psychologisches Merkmal. Humor ist aber äußerst schwierig zu messen – schon allein deshalb, weil wir uns nicht einig sind, was wir lustig finden und was nicht. Die bisherigen Studien zur Erblichkeit haben auch deshalb sehr widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Dieser Charakterzug muss noch besser erforscht werden.“
Humor ist mehr als andere Charakterzüge kulturell bedingt. Er ist eine Frage der Vereinbarungen und Grenzen. Wenn diese fehlen, fehlen ihm seine Tabuzonen, die er angreifen will.
(Zitate aus „Die Biologie der Seele“, ZEIT WISSEN 06 2009)